„Eine falsche Neun“ von Jan Spelunka

Spyros Lidakis hat erfolgreiche Jahre beim VfL Bochum hinter sich und wechselt zum Ligakonkurrenten nach Bonn. Die Blue Stars Bonn realisierten dank des Geldes asiatischer Investoren reihenweise Aufstiege. Auch die erste Bundesliga-Saison war okay, es kann weiter aufwärts gehen! Doch in Bonn trifft der millionenschwere Neuzugang das Tor nicht mehr.

Andy Mücke lebt wie Lidakis in Bad Münstereifel. Der Detektiv soll herausfinden, was vor dem Vereinswechsel geschehen ist. Spielt auch der Tod eines kürzlich ermordeten Journalisten eine Rolle? Und was ist mit Nicole, die einen Monat nach der Trennung von Spyros bei einem Unfall ums Leben kam?

Mücke sucht nach Hinweisen, die ihn bis nach Korfu führen. Während er dort fündig wird, bahnt sich in der Eifel weiteres Unheil an …

Jan Spelunka | Kindle | Taschenbuch

Minutenlang hatte er in der Schlange ausgeharrt und Kommentare aufgeschnappt, die ihn nichts angingen. Gleich war es geschafft, vorausgesetzt, die junge Frau fand heute noch ihre Geldbörse im Durcheinander ihrer Handtasche. Andy Mücke wich einige Zentimeter zurück, um ihr mehr Platz beim Herumwühlen zu verschaffen. Mehr ging in diesem Gedränge beim besten Willen nicht. Er hatte nichts gegen Weihnachtsmärkte, gar nichts, es sei denn, sie waren voll und es regnete. Hinter ihm begann ein Paar in einer Sprache zu streiten, die er nicht zuordnen konnte, nicht einmal ansatzweise. Vielleicht war es auch kein Streit, vielleicht waren sie sich nur über die Bestellung nicht einig. Manche Sprachen sollen für unsere Ohren grundsätzlich hektisch, gereizt und schroff klingen und deshalb falsch gedeutet werden. Das wurde zumindest in einem Radiobeitrag vor nicht allzu langer Zeit behauptet. An die genannten Beispiele konnte er sich nicht erinnern.
Endlich hielt Andy den ersehnten Glühwein in den Händen, das abgezählte Geld hatte er zuvor auf die Theke gelegt. Er reichte gerade einen Becher über eine fremde Schulter an Jessica weiter, als sich sein Smartphone meldete. Während er im Innern seiner Jacke kramte, entfernte sich seine Freundin aus dem Gewühl. Die auf dem Display angezeigte Nummer war Andy fremd.
»Mensch, pass doch auf!«, raunzte ein Mann ihn an, der hin und wieder in der Werther Stube gekellnert hatte.
»War keine Absicht, sorry!«
»Wohl keine Augen im Kopf, was?«
Andy machte noch einige ausweichende Schritte, bis er bei Jessica an der Mauer des Apotheken-Museums stand. »Hältst du den mal eben?« Er drückte ihr seinen Glühwein in die freie Hand.
»Hallo?« Niemand meldete sich, ratlos schaute er Jess ins Gesicht – wahrscheinlich hätte er das Gespräch früher annehmen müssen. »Hallo?«, versuchte Andy es ein weiteres Mal.
»Mücke? Andreas?«
»Ja!«
»Hey Mücke, grüß dich, hier ist Eddy! Eddy Sawatzki, dein alter Kumpel, du weißt schon!«
Von Begeisterung konnte bei Andy nicht die Rede sein: »Kumpel ist gut – du hast mir damals die Freundin ausgespannt.«
»Ach, du bist doch hoffentlich nicht mehr sauer auf mich? Komm, das ist siebenundzwanzig Jahre her.«
»Neunundzwanzig«, korrigierte ihn Mücke.
»Siehst du, noch länger! Ich weiß auch gar nicht mehr, wie die kleine Maus hieß!«
»Charlotte!«
»Richtig! Charly hatten wir sie genannt.«
»Ich nicht, und die kleine Maus war meine große Liebe gewesen.« Für einen Moment hatte Andreas trotz des Trubels um ihn herum ihr Bild vor Augen. Er sah Charlotte auf den Stufen der Basilika von Sacré-Cœur sitzen und mit ihm Gitarre spielen. Damals stand die Zeit still – das Jungsein erschien ihnen wie ein Abonnement, das sich leise weiterverlängerte.
»Mensch Junge, das hätte mit der Französin doch sowieso keine Zukunft gehabt. Sie in Paris, du in der Eifel – wie hätte das denn gehen sollen?«
Diese Art von Belehrung brauchte er nicht. »Wer weiß … Aber es wäre immerhin mein Problem gewesen, beziehungsweise das von Charlotte und mir«, antwortete Mücke mit ungehaltener Stimme. Jessica blickte von ihrem Glühwein auf, ihre wachen Augen begannen, den runden braunen Knöpfen ihres Wintermantels zu ähneln. Andy griff nach dem auf der Fensterbank abgestellten Becher und nippte ebenfalls daran.
»Hast du mich deshalb letzten Monat nicht beachtet?«
»In Bad Münstereifel – oder wo soll das gewesen sein?«
»Mitte November auf Korfu, du kamst aus dem Supermarkt, ich war auf der anderen Straßenseite. Ich habe noch gerufen und du schautest auch um dich.«
Andy konnte sich nicht erinnern, jemanden dort gesehen oder gehört zu haben. »Wer hat dir meine Nummer gegeben?«
»Steht auf deiner Homepage!«
»Und weshalb rufst du an?«
»Warst du das denn nun in Acharavi oder nicht? Ich war ja nur kurz da, am zweiten Tag hatte es geregnet wie Sau.«
»Ich habe dem Vater meiner Freundin bei der weiteren Renovierung seines Hauses geholfen. Der steckt da noch mitten im Schlamassel.«
»Da sieht man sich nach so vielen Jahren ausgerechnet in Griechenland wieder – Zufälle gibt’s.«
»Nun spuck schon aus, was du willst!«
»Andreas, du weißt, was ich beruflich mache?«
»Ich hörte, du schreibst für die BILD«, antwortete er knapp.
»Sag das nicht so abfällig. Außerdem arbeite ich noch für andere Blätter, zum Beispiel für den Stern und auch fürs Fernsehen.«
»Jetzt rieche ich deinen Erfolg wieder!«
»Ach, Andreas, hör auf!«
»Doch, ich rieche ihn.« Mücke hatte mitbekommen, dass sich Sawatzki als sogenannter Enthüllungsjournalist einen Namen gemacht hatte, aber eigentlich interessierte es ihn nicht. Es reichte ihm, dass dieser Typ irgendwann die Gegend verlassen hatte und aus seinem Leben verschwunden war.
»Können wir uns in Köln oder meinetwegen in Bad Münstereifel treffen?«, fragte Eddy nach einer kleinen Pause. »Ich bin an einer heißen Sache dran und könnte deine Unterstützung gebrauchen.«
»Hm«, Mücke zögerte.
»Gegen Bezahlung natürlich, gute Bezahlung!«
»Wie viel ist drin?«
»Jede Menge, kommt drauf an!«
»Etwas genauer will ich das schon wissen.«
»4.000 vielleicht, ich kenne eure Tagessätze.«
»Und worum geht es?«
»Na ja, so direkt …« Sawatzki eierte herum.
»Drogen? Prostitution? Betrug? Mach es nicht so spannend!«
»Eher um eine, sagen wir, Manipulation im Profisport, ein Riesending.« Einen Augenblick blieb es still. »Doch, mit Betrug hattest du schon den richtigen Begriff.«
»Gut, erzähl weiter!«
»Weißt du, am Telefon möchte ich nicht darüber reden. Die Geschichte würde dich unter anderem nach Holland, eventuell auch nach Griechenland bringen.«
»Nach Griechenland?«
»Genau. Hast du morgen Zeit?«, fragte Eddy.
»Mit den 4.000 Euro soll ich noch halb Europa bereisen – findest du das nicht ein bisschen knapp?«
»Ich sagte bereits, dass es drauf ankommt.«
Stimmt, das hatte er gesagt, dachte Mücke. Aber sollte er sich überhaupt auf jemanden einlassen, der ihn schon einmal enttäuscht und hintergangen hatte, auch wenn es Ewigkeiten her ist? Zumindest sollte man diesem Menschen nicht das Gefühl geben, wichtig zu sein. »Morgen ist es unmöglich. Und am Wochenende geht es ebenfalls nicht!«
»Wie sieht’s mit Montag aus?«
»Schon eher!«, antwortete Andreas. »Sagen wir, um neunzehn Uhr – erinnerst du dich an die Wolfsschlucht?«
»Und ob, wir wohnten ja vorne in der Stumpfgasse, wie du bestimmt noch weißt. Bis zum Brand sind mein Vater und mein älterer Bruder regelmäßig zum Billardspielen dort hingegangen. Nach der Schule haben …«
»Also um sieben!«, unterbrach er ihn mürrisch, bevor Eddy ins Schwafeln geriet.
»Kein Thema, Andreas. Bis Montag – ehrlich, ich freue mich!«
»Bis dann!«, irritiert und leicht genervt drückte er den ehemaligen Nebenbuhler weg. Am Wochenende würde Andreas entscheiden, ob er die Verabredung einhält oder nicht. Im Moment wollte er darüber nicht nachdenken.
»Arbeit?«, fragte Jess.
»Weiß noch nicht.«
»Wer war das denn?«
»Hab ich dir nicht mal von Eddy Sawatzki erzählt, der mir in Paris die französische Freundin ausgespannt hatte?«
»Hast du! Und mit dem willst du dich treffen?«
»Ich weiß es nicht! Stell dir vor, er hat mich vor drei Wochen in Acharavi gesehen.« Der Glühwein hatte ratzfatz an Temperatur verloren.
»Manche Leute wird man nie los!« Jess trank einen großen Schluck, dabei musterte sie ihn neugierig über den Rand des Bechers.
»So, wie du schaust, könnte ich mich glatt angesprochen fühlen«, grinste Andy.
»Quatsch!«, sie boxte ihn leicht. Von links wehte der Wind den Geruch von Gegrilltem zu ihnen herüber. »Willst du hier schon etwas essen?«, fragte sie.
»Hm. Schau mal dahinten, ist das nicht der Trenkler?« Andreas deutete mit dem Kinn in seine Richtung.
»Das ist er! Lustig, wie im vergangenen Jahr.« Jessica winkte dem Ex-Studienkollegen. »Man sieht dich nur noch auf dem Weihnachtsmarkt«, rief sie ihm zu.
»Und in Sportsendungen«, ergänzte Mücke.
»Ich weiß nicht, was mir lieber ist«, scherzte der Manager des Bundesligisten Blue Stars Bonn. Um seine Mundwinkel entstand ein Lächeln. »Hallo erst einmal«, er umarmte Jess und drückte Andy die Hand. »Ich bin auf dem Weg zu Spyros. Wir werden gleich ein wenig über den Markt bummeln, bevor es morgen Mittag nach Berlin geht. Sein Spielerberater meint, wir kümmern uns nicht genug um ihn – unverschämt eigentlich. Nun ja, was soll’s, an mir wird es nicht scheitern!«
»Spyros?« Andy schaute die beiden ungläubig an.
»Schießmichtot«, auch Jessica wusste nicht, wovon Frank Trenkler sprach. Ihre braunen Haare lugten unter der farbenfrohen Strickmütze hervor.
»Lidakis«, meinte der Manager, »der wohnt doch in eurer Stadt, genau wie unser Präsident. Der hat ihm auch die Wohnung verschafft.«
»Spyros Lidakis lebt in Bad Münstereifel? Das wusste ich gar nicht«, staunte Mücke.
»Ist aber so – auf der Trierer Straße. Schaut mal, da will doch allen Ernstes einer mit dem Fahrrad durchs Gewühl.«
»Lidakis, ist das nicht dieser grandiose Null-Tore-Stürmer?« Jessica biss sich vor Schreck auf die Unterlippe – ihre Frage war raus, die ließ sich nicht mehr einfangen. Andreas musste derart lachen, dass er sich um ein Haar am Glühwein verschluckt hätte.
»Ach, hört auf, ich kann es nicht mehr hören«, klagte Frank. »Natürlich habt ihr recht. Zig Millionen haben wir ausgegeben und dann trifft er plötzlich das Tor nicht mehr. Jede Woche wird uns das vorgerechnet –letztendlich, Millionen hin oder her, wir haben es mit einem Menschen zu tun. Spyros ist jung und vermutlich noch etwas zu sensibel für dieses knallharte Geschäft. Außerdem hat jeder Stürmer mal so eine Phase – ich bin von seiner Qualität weiterhin fest überzeugt.«
»Momentan bist du nicht zu beneiden.« Sie sah ihn verständnisvoll an. »Glaubst du nach den beiden letzten Heimklatschen noch an den Klassenerhalt?«
»Du darfst nicht vergessen: Wir waren gegen Wolfsburg das klar bessere Team – auch gegen Hoffenheim über weite Strecken.« Trenkler wärmte die Finger mit seinem Atem, als gäbe es keine Handschuhe. »Nun ja, ich hoffe auf die Rückrunde – die Saison ist lang!«
»Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.« Im Fernsehen hätte Andy nun ein paar Euro fürs Phrasenschwein abdrücken müssen.
»Genau! Und bei euch Hübschen, noch alles im grünen Bereich?«
Andreas nickte, Jessica starrte in ihre halb volle Tasse: »Abgesehen davon, dass der jetzt fast kalt ist.«
»Musst du halt zügiger trinken! Seid ihr inzwischen eigentlich verheiratet?«
»Nö, sollten wir?«, fragte Jessica.
»Auf mich machtet ihr letztens schon den Eindruck eines Paares, das zusammengehört.«
»Mein Reden«, zwinkerte Mücke ihm zu.
»Was nicht ist …«
»… kann ja noch werden.« Frank vervollständigte Jessicas Satz. »Stimmt auch wieder.«
»Eben«, schoss es gleichzeitig aus ihnen heraus.
»In diesem Sinne«, er blickte auf seine Uhr. »Ich muss weiter. Macht’s gut!« Der Manager drehte sich noch einmal um: »Und lasst uns im Abstiegskampf nicht hängen! Wir brauchen jeden Fan!«
Andy und Jess sahen ihm hinterher, der kurz darauf in der Menschenmenge verschwand. Vereinzelte, dicke Schneeflocken hatten in der letzten Viertelstunde den feinen Nieselregen abgelöst.

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