„Beyond Immortal – Die Wahrheit stirbt zuerst“ von Robin R. Lorien

Gejagt von den Schergen des Dämonenfürsten schlittert Smaragd von einer Gefahr in die nächste.

Als wären blutrünstige Engel nicht bereits Bedrohung genug, werden auch noch Lügen über die Rebellen verbreitet. Dabei können Dämonen gar keine Lügen aussprechen.

Doch der schlimmste Feind lauert in unmittelbarer Nähe!

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Das Geräusch von schlagenden Flügeln verriet Smaragd, dass die Jäger sich in die Lüfte erhoben hatten und wahrscheinlich versuchten, ihre Beute vom Himmel her zu verfolgen. Autsch. Ein gebogener, spitzer Stachel hatte sich in Smaragds Schulter verhakt, Kleidung und Haut durchstoßen. Wütend zog sich das am Boden robbende Mädchen den Widerhaken aus dem Fleisch, besah ihre Hände, die von Schunden gezeichnet waren.
Wie oft kann ich ihnen noch entkommen? Wie oft werde ich noch Glück haben?
Die Flucht durch das Unterholz war ein riskanter Plan gewesen, denn die junge Frau kam nur schleppend voran und ständig blieb sie an Ästen und Zweigen hängen oder ihre Waffen verspießten sich. Ihre aufgerissene Haut brannte an allen möglichen Stellen.
Wenn sie sich einfach hier verschanzte für ein paar Tage, würden sich neue Anhänger von Saphir um die begehrte Entflohene scharen, für die gewiss eine verlockende Tantieme ausgesprochen worden war.
Ich muss hier weg, so rasch wie möglich.
Smaragd robbte ungeachtet der Verletzungen weiter, fluchte über diesen beschwerlichen Weg und die Ranken, die an Kleidung, Haaren und Haut rissen. Sie gelangte in einen Bereich mit weniger Gestrüpp und Staub wirbelte auf, als sie rasch weiter robbte.
Krampfhaft unterdrückte Smaragd ein Husten und sie überlegte, ob hier genug Platz vorhanden war, um einen Flugversuch zu starten, beziehungsweise, was katastrophal wäre, hier zu landen. Plötzlich griff Smaragd ins Leere, konnte ihr Gewicht nicht mehr rechtzeitig verlagern und stürzte kopfüber in die Grube, die hier offensichtlich war.
Unsanft purzelte die Dämonin durch etwas, das sich wie ein steiler, unterirdischer Gang anfühlte, kam nach drei Überschlägen jedoch zu einem Stillstand, hustete den Staub aus den Lungen und versuchte in der Düsternis etwas zu erkennen. Vor Schreck hätte das Mädchen beinahe aufgeschrien, als sie zwei Augenpaare erkannte, stattdessen war nur ihr Mund aufgerissen und ihre Hand fest am Knauf ihrer Einhandwaffe, die sie in diesem beengenden Erdloch ohnehin nur eingeschränkt benutzen könnte.
Die Sichtbehinderung durch den aufgewirbelten Staub ließ die Situation noch unheimlicher erscheinen und unbewusst zog Smaragd ihre Schultern höher. Jede Muskelfaser ihres Körpers war zum Bersten gespannt und ihr Atem stockte. Der umherwirbelnde Feinstaub lichtete sich nur langsam und allmählich tauchten die Silhouetten zweier junger Männer aus dem Zwielicht. Einer davon war kleinwüchsig und blond, der andere hochgewachsen mit einem schmalen Gesicht und rundem Kiefer. Ihre Erscheinung hatte etwas Mystisches an sich. Diese Männer waren nicht nur gutaussehend, sie waren atemberaubend schön.
Und ihre Haut schien von innen her einen sanften Schein auszustrahlen, was nicht an einer sehr hellen Haut liegen konnte, denn der Kleinere hatte einen wunderschönen bronzefarbenen Teint. Beide trugen dunkelgrüne oder bräunliche Hosen und ärmellose Jacketts über ihren Hemden, was Smaragd sehr an die Kleidung der meisten Jäger erinnerte.
Gebannt und immobilisiert vor Schreck starrte die junge Frau die beiden Fremden an. Jene sahen ihr unschuldig, beinahe ängstlich entgegen. Eine zarte Energie ging von ihnen aus und auch ohne die folgenden Worte des großgewachsenen Adonis mit dem kastanienbraunen Haar, hätte die Dämonin ihre Ethnologie erahnt: „Gib uns von deinem Blut, Dämon, dann verraten wir dir, wie du deine Verfolger loswirst!“
Smaragd wich schockiert zurück. Das waren tatsächlich Engel! Und sie wussten genau, was hier vor sich ging. Hatten sie die Flucht beobachtet? Wie war es überhaupt möglich, dass Engel sich hier in der Dämonendimension versteckt hielten, wenn sie doch in Anwesenheit ihrer Erzfeinde in einen Schlummer fielen. Es sei denn, sie tranken das Blut eines Dämons, die einzige Arznei, einen Engel in Gegenwart von Dämonen im Wachzustand zu halten.
„Wir tun dir nichts!“, sprach der größere Engel eindringlich. „Gib uns einfach von deinem Blut und wir verraten dir einen Ausweg!“
Smaragds ganzer Körper erzitterte, so schauderte der, ihr Schwert ziehenden, jungen Frau. Ein Schweißtropfen rann von ihrer bebenden Oberlippe in den leicht geöffneten Mund. Zuerst Saphirs Schergen und dann auch noch Engel!
„Dämon.“ Die traumhaft schöne und grazile Erscheinung gestikulierte beschwichtigend mit beiden Händen, beschwor die Kampfbereite mit sanfter Stimme: „Wir scheuen Gewalt. Wenn mich nicht alles täuscht, bist du auf der Flucht wie wir. Wir können dir helfen. Wenn wir jedoch einschlafen, bist du genauso verloren wie wir.“ Smaragd glaubte ihnen kein Wort. Anders als Dämonen können Engel Lügen aussprechen. Welchen anderen Grund als einen militanten hätten die Weichfedern, sich hier in der Dämonendimension aufzuhalten!? Die grünen Augen mit den schlitzförmigen Pupillen blickten drohend und unerbittlich dem jungen Mann entgegen, der auf den Knien zu der verunsicherten Dämonin robbte und wiederholte: „Wir helfen dir!“
„HALT!“, ließ ihr harsches Fauchen ihn sofort innehalten. Engel hatten ihre damals beste Freundin Salmone getötet und viele andere ihr wertvoller Seelen für immer ausgelöscht. Niemals würde sie einem Feind vertrauen!
„Sie wird sich nicht bereitstellen!“ Der jüngere und kleinere, blonde Engel ergriff den Dolch an seiner Hüfte, doch der ältere hielt ihn zurück, redete weiterhin auf Smaragd ein, die jedoch mit halb gezogenem Schwert verdeutlichte, sie würde niemals ihr Blut für die Engel geben. „Holen wir sie uns, bevor sie unsere Energie aufsaugt!“, zischte das blondgelockte Mondgesicht so unpassend abstoßend zu seinem adretten Äußeren. „Sie ist uns viel zu nah! Das halten wir nicht länger aus. Unsere Mahlzeit liegt viel zu lang zurück!“
Smaragd hatte ihr Schwert vollends aus der Scheide gezogen, der Mann mit dem rotbraunen Seidenhaar schien noch zu überlegen. Sein fast unmerkliches Nicken, ließ seinen ungeduldigen Begleiter mit giftigem Kreischen nach vorne schnellen und auch der adulte Engel griff mit seinen blasshäutigen Händen nach der zurückweichenden Jungdämonin. Mit einem Verdrehen ihrer Handgelenke vollführte Smaragd einen Seitwärtshieb ihres Schwertes, vollbrachte es, eine Schnittwunde in diese beinahe alabasterfarbene Handfläche zu reißen. Ein gellender Schmerzschrei trieb einen Schauder ihren ungeschützten Rücken hoch. Hier in diesen beengenden Verhältnissen gegen zwei Opponenten anzutreten, war so unmöglich wie Dämon und Engel im selben Raum. Offensichtlich, welch Ironie, war dieses Sprichwort nicht ganz korrekt.
Keuchend wich Smaragd dem Hieb des älteren Engels aus, parierte den Dolchstoß des jüngeren, ließ sich auf das Gesäß fallen, trat mit voller Wucht gegen das rundliche Gesicht ihres Angreifers und versuchte sich, auf die Seite fallen lassend, die Stichwaffe mit der linken Hand zu schnappen. Während sie mit dem fluchenden Engel um den Dolch rangelte, stürzte sich der Braunhaarige auf die liegende Dämonin, drückte ihren schwerttragenden Arm nieder. Smaragd riss die Augen auf, wehrte sich mit aller Kraft, denn der Engel versuchte in ihren Unterarm zu beißen. Sie spürte seinen Körper gegen ihren drücken und sie roch den süßlichen Duft des Engels.
Sein Griff war unbarmherzig und sein Mund näherte sich ihrem Arm. Angewidert und wütend unternahm Smaragd immense Anstrengungen, um sich dem Blutrünstigen zu entreißen. Diese weißen, makellosen, geraden Zähne könnten doch niemals eine Blutwunde reißen! Jedoch, der Engel bewies das Gegenteil, biss so fest zu, dass Smaragd realisierte, eine Quetschwunde würde ihn auch irgendwann zum Erfolg führen. Nackte Panik schnalzte wie ein eisiger Blitz durch Smaragds Leib und aufbrüllend schlug sie die Reißzähne in die Schulter ihres Schänders.
Sie stieß den wehklagenden Engel mit Gewalt von sich und versetzte dann dem blondgelockten Kerl einen Hieb mit ihren ausfahrenden, schwarzen Krallen. Das Blut trat geschwind in die tiefen Kratzwunden im Gesicht des mondgesichtigen Schönlings, seine blauen Augen blitzten zornig und gefährlich, doch Smaragd musste sich bereits wieder dem größeren der beiden zuwenden, drängte diesen an den Handgelenken gepackt zurück. Die gefletschten Zähne und die vor Hass verengten Augen mit den schlitzförmigen Pupillen ließen die Dämonin beängstigend aussehen, was dem Engel merklich Unbehagen bereitete, denn solcherlei grauenhafte Fratzen, solch animalische Wut, brachten nur Dämonen zustande. Seine wohlklingende Stimme zitterte, als er sprach: „Du bist so töricht. Ergib dich und wir helfen uns gegenseitig. Wozu Blutvergießen, wenn es eine friedliche Lösung gibt!“
Smaragds in Falten gelegter Nasenrückenansatz glättete sich etwas und prüfend stierte sie den nun lächelnden Mann an. Das unwillkürliche Grollen in ihrer Kehle und das Gleißen ihrer grünen Augen machten ihr Misstrauen allzu deutlich. Ein einfahrender Schmerz in ihrem rechten Schulterblatt ließ Smaragd einen peinvollen Schrei ausstoßen. Sogleich riss sie herum, der Dolch noch immer verankert zwischen ihren Knochen, in Folge dessen der Verantwortliche für diesen Hinterhalt unbewaffnet war. Sie fetzte dem überraschten Mann mit krallenbewehrten Hieben das Fleisch von den Oberschenkeln, sodass dieser bewegungsunfähig auf die Knie stürzte. Die knurrende Dämonin führte ihren linken Arm über den Kopf, griff nach hinten, riss sich den Dolch aus der Knochenplatte und während sie dem zurückrobbenden Engel mit der Klinge drohte, strengte sie ihre Selbstheilungskräfte an, um die tiefe Stichverletzung zum Granulieren zu bringen, jedoch war ihre Beweglichkeit aufgrund einer Muskel- oder Sehnendurchtrennung eingeschränkt. Ein brennender Schmerz pochte in ihrem Rücken und die handliche Stichwaffe schien plötzlich schwer wie ein Fels.
Oh, nein! Smy konnte ihren rechten Arm nicht einsetzen, daher nahm sie den Dolch in die linke Hand, schlich in gegrätschter Stellung ein paar Schritte vorwärts dem furchtsam dreinblickenden Engel entgegen und streckte ihm die blanke Spitze unter die Nase. „Ich werde dafür sorgen, dass es nicht mein Blut ist, das vergossen wird“, hauchte sie durch zusammengebissene Zähne und der hübsche Mann hob abwehrend die Hände, die Wunde in dessen Handfläche klaffte noch immer, denn anders als Dämonen können Engel nur andere, jedoch nicht sich selbst heilen.
„Wenn wir von dir trinken, wird dein Blut nicht umsonst fließen. Wir werden dir den Weg aus diesem unterirdischen Labyrinth zeigen. Und wie du deinen Häschern entkommst.“
Der Engel schenkte dem Mädchen wieder dieses gewinnende, arglose Lächeln.
Smaragds Arm zitterte. Sollte sie sich ergeben? Würde sie ohne die Hilfe der Engel aus diesem unterirdischen Gangsystem, um das es sich hier nach Aussage ihres Gegenübers handelte, finden?
Dünne Arme schlangen sich unversehens um ihren Oberkörper und pressten ihre Ellbogen so fest an ihren Brustkorb, sodass sie keinen Gegenangriff starten konnte. Noch bevor sie sich losreißen konnte, entriss der Kastanienbraunhaarige ihr den Dolch, setzte diesen an ihre Kehle. „Dämon! Lass mich freiwillig von dir trinken oder ich schneide deine Halsschlagader auf! Quittiere deine Abwehrversuche. Du verlierst so und so.“ „NEIN!“, schrie Smy.
Mit hämischem Grinsen beugte sich der Engel näher zu der strampelnden jungen Frau, drückte die Klinge gegen die zarte Haut ihrer Halspartie. In Smaragd drängte der Überlebensinstinkt danach, sich zu ergeben. Es war immerhin nicht tödlich, etwas von ihrem Blut zu opfern. Dennoch widerstrebte es ihr und mit jeder Pore ihrer Haut wusste sie, dass es nicht richtig war. Wie widernatürlicher war es, wenn Engel sich mit Dämonenblut wachhielten, wenn es ihnen doch von Natur aus bestimmt war einzuschlafen? Sie wusste nicht, was diese extreme Abscheu verursachte, es war wie eine angeborene Aversion. Ich werde mich nicht beugen.
Mit einem heftigen Ruck riss sich Smaragd los, wurde jedoch sofort wieder in die Mangel genommen und die Schneide der Miniaturwaffe trennte die dünne Haut über ihrem Schlüsselbein auf. Ihre lebendigen Fesseln zogen sich noch enger zusammen, auch der nun schwitzende Mann ihr gegenüber hielt sie fest am Schopf gepackt, zog ihren Kopf trotz heftiger Gegenwehr in den Nacken. Smy spürte warmen Liquor, ihr eigenes Blut, in ihren Ausschnitt tröpfeln, war der Verzweiflung nahe. Sie spürte das Beben der Klinge, die gegen ihre Schlüsselbeingrube presste und sie fühlte den inneren Kampf, den der Engel mit sich austrug. Sein keuchender Atem streifte ihr Ohr, sein Griff in ihrem Haar verfestigte sich, bis ein paar Haarsträhnen sich schmerzhaft lösten.
Engeln war es untersagt zu töten. Verstoßen sie gegen das Gesetz des Himmels werden sie fallen. Diese Exemplare hier waren jedoch schon längst verloren, wenn sie Dämonenblut getrunken hatten, doch das konnte Smaragd nicht wissen, denn der Kodex der Dämonen, der solcherlei Weisheiten lehrte, war ihr fremd, da ihr Mentor viel zu früh im Heiligen Krieg Opfer extremistischer Engel geworden war.
Smaragds Spucke traf den Mann genau ins Auge, irritiert wischte sich dieser die eklige Schliere aus dem Gesicht und das Mädchen nutzte die Unaufmerksamkeit, um sich auf die Seite zu werfen, doch ihr Vorhaben gelang nicht sofort, sie musste sich mit den Beinen gegen die Wand stemmen, bis sie den sie fest umklammert haltenden Gegner mit sich zu Fall brachte. Sich mit brutaler Heftigkeit windend, vollbrachte es Smaragd schließlich sich loszureißen, krabbelte rasch davon, bevor der junge Mann sie wieder in seine Gewalt bringen konnte.
Der hochgewachsene Engel hatte indes Smaragds Schwert aufgehoben und bedrohte sie nun mit beiden Waffen. Zunächst war Smys Blick nur auf die blutbefleckten Klingen gerichtet, doch dann schärfte sich ihr Fokus auf etwas, das sich hinter ihrem Angreifer befand.
„Dein Begleiter ist eingeschlafen“, konstatierte die Dämonin atemlos, der braunhaarige Engel biss die Zähne zusammen.
Die junge Frau wich vor den näher kommenden Schwertspitzen zurück, überlegte, ob sie einen Rückzug raus aus dieser Höhle antreten sollte. Ob Saphirs Vasallen sich noch dort draußen befanden und nach ihr fahndeten? Ob sie wohl bereits Verstärkung hatten? Smaragd rang nach Luft, das Zittern ihres keuchenden Atems veranlasste den Engel zu einem hämischen Grinsen. Smy rutschte am Hosenboden kehrtlinks, bis sie sich im Schein der einstrahlenden Sonne befand, hin und hergerissen und immobilisiert vor Unschlüssigkeit starrte sie in die Düsternis auf das silberne Metall, das das Licht reflektierte. Ist es mein einziger Ausweg, aus diesem Versteck zu fliehen und den Jägern direkt in die Arme zu laufen?

Blick ins Buch (Leseprobe)

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