„Totschöne Ostsee: Küstenkrimi“ von A. Collin

Tatort Ostsee: Eine junge Frau – tot in einem Koffer
Zuerst erschreckt ein abgetrennter Fuß die Urlauber auf einem Ausflugsschiff. Kurz darauf wird die Leiche der dazugehörigen jungen Frau in einem Koffer an den Ostseestrand gespült. Wer ist die unbekannte Tote?
In dem beschaulichen Küstenort Laboe kennt jeder jeden, doch Hauptkommissarin Gesa Bähr tappt mit ihrem Team im Dunkeln. Warum benimmt sich ihr alter Schulfreund Hauke Bergen so merkwürdig? Der neue Oberkommissar, Niklas Lux, hat Hauke gleich misstraut, aber Gesa hält aus alter Verbundenheit zu ihm. Plötzlich bekommt der Fall eine unerwartete Wendung …
Für Gesa geht es jetzt um alles. Ihre achtzehnjährige Tochter Svenja, die große Ähnlichkeit mit dem Opfer hat, verschwindet plötzlich.

Im ersten Buch der Ostsee-Reihe trifft Hauptkommissarin Gesa Bähr
auf ihren neuen Kollegen, Oberkommissar Niklas Lux. Er hat sich an die Ostseeküste nach Laboe versetzen lassen und überrascht mit seinem Verhalten nicht nur seine Chefin Bähr, genannt die Bärin. Doch als es darauf ankommt, kann sie auf ihn zählen …

A. Collin | Kindle | Taschenbuch

»So, jetzt schauen wir mal nach, was sich unter uns in der Ostsee befindet.«
Hauke Bergen lässt das trichterförmige Netz an einer Seilwinde ins Wasser hinab.
Gleich wird er für die anwesenden Urlauber auf der MS Sagitta Seesterne, Krebstiere und Muscheln vom Meeresboden hochholen.
Die Zwillinge Ben und Kai lassen ihn nicht aus den Augen und verfolgen akribisch jeden seiner Handgriffe.
Schon nach zehn Minuten Fahrt mit dem Exkursionsschiff hat deren Mutter Silke der neunköpfigen Touristengruppe von der Hochbegabung ihrer Sprösslinge erzählt. Nach dem Sommerurlaub werden sie eingeschult. Vorzeitig.
»Wisst ihr denn, ob Muscheln schwimmen können?«, fragt Hauke die beiden.
Die blondgelockten Jungen verdrehen ihre Kulleraugen und zucken ahnungslos mit den Schultern.
»Na kommt schon«, ermuntert Silke ihre Buben. »Das ist doch eine ganz einfache Frage.« Hauke Bergens stoppeliges Gesicht versinkt in breitem Schmunzeln. Wenn sich die Dame da mal nicht täuscht, denkt er.
Die Urlaubergruppe verfällt in kollektives Grübeln.
»Besitzen Muscheln nicht einen Fuß, mit dem sie kriechen?«, traut sich ein korpulenter Mittfünfziger einzuwerfen.
Seine jüngere Begleitung, der man die regelmäßigen Joggingläufe ansieht, lacht.  
»So wie du, wenn du bei unseren Strandwanderungen nicht hinterherkommst«, flüstert sie ihm ins Ohr.
»Einige Muscheln können schwimmen, indem sie mit ihren Schalen klappern«, sagt ein dünner Mann mit Brille, der als Einziger allein an der Exkursion teilnimmt.
»So ist es«, bestätigt Hauke.
Ein anerkennendes Raunen geht durch die Menge.
»Und wie funktioniert das?«, will Kai wissen.
Hauke schaut auf die Uhr an seinem tätowierten Unterarm.
Zeit, das Netz hochzuziehen.
»Das zeige ich euch gleich«, sagt er. »Nun mal alle beiseitetreten, bitte!«
Silke zieht ihre Zwillinge zu einer Bank an der Reling.
»Von dort kann ich nichts sehen!«, mault Ben.
Sein Bruder Kai stimmt ihm zu.
Die beiden drängeln sich nach vorn.
»Das Schleppnetz, mit dem ich die Seegraswiese am Meeresboden abgesucht habe, nennt man Dredge«, erklärt Hauke und zieht das Netz langsam aus dem Wasser.
»Also ich sehe im Moment nur lauter Gras!«, wundert sich Günther, ein pensionierter Versicherungsangestellter, der mit seiner Frau und der vierjährigen Enkelin an der einstündigen Exkursion teilnimmt. »Und was das für lange Halme sind!«
»Die Wiesen im Meer werden eben nicht so regelmäßig gemäht wie dein Rasen, Günther«, scherzt seine Frau.
»Ih!«, ruft sie und stößt ihm in den Rücken. »Nun rutscht doch mal beiseite, das spritzt ganz schön!«
Hauke schüttet den Inhalt der Dredge gerade in einen weißen Bottich. Algen, Seegras und allerhand Meeresgetier ergießen sich in einem Schwall in den Behälter.

Während seine Ausflugsgäste dicht gedrängt um ihn herumstehen, breitet er die lebenden Kostbarkeiten vorsichtig mit den Händen aus. Ihm ist wichtig, dass alle unversehrt zurück ins Wasser gelangen.
Als Erstes greift Hauke nach einem Seestern.
Die Kinder lieben es, diesen anzufassen und die raue, stachelige Haut zu streicheln.
»Habt ihr eine Ahnung, wo die Augen des Seesterns …« sitzen, will Hauke fragen, aber die restlichen Worte bleiben ihm im Hals stecken.
Mit zittriger Hand legt er das Meerestier zurück in den Bottich.
Seine Augen gleiten dabei über ein Knäuel aus Tang und Seegras. Im ersten Moment hatte er ein Stück Treibholz darunter vermutet.
Aber nun erkennt er es deutlich! Zwischen dem Gras blitzt etwas verräterisch in grellem Pink. Hauke erschrickt. Nein! Nicht doch! Ihm wird kurz übel.
Ich darf mir nichts anmerken lassen, denkt er und schaut noch einmal ganz genau hin. Es war ja nicht das erste Mal, dass sich auf der bis zu fünf Meter tiefen Seegraswiese vor dem Falkensteiner Strand Unrat abgelagert hat. Was hat er da nicht schon alles mit seinem Schleppnetz an Bord geholt!
Aber dieses Fundstück passt ganz und gar nicht hierher. Hauke läuft ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter.
Ein zierlicher großer Zeh, sorgfältig lackiert, lugt unter dem Seetang hervor und Hauke kann nicht verhindern, dass die neugierigen Zwillinge diesen nun ebenfalls entdecken.
»Wem gehört der?«, fragt Ben ihn. »Einer Puppe?«
Hauke ist sich sicher, dass es nicht so ist. Ihm schlackern die behaarten Beine und er zupft sich nervös an seiner dunkelblauen Shorts.
»Schaut mal hierher!«, lenkt er die Blicke der Kinder an den Rand des Bottichs, »ich glaube, unter dem Tang versteckt sich eine Seenadel.«
»Kennt ihr die?«, fragt er. »Sie ist eine Verwandte des Seepferdchens.«
»Die sind so süüüß!«, ruft ihre Mutter Silke entzückt und beugt sich dicht über den Behälter. Hauke zieht ein Grasbüschel beiseite.
Ein Fehler, den er zu spät bemerkt.
Weil die Seegrasfäden an dem Zeh haften, kommt nach Haukes missglücktem Ablenkungsmanöver auch noch der dazugehörige Fuß zum Vorschein.
Silkes Schrei lässt die Urlauber erstarren. Entsetzt wenden sie sich ab.
Das war keine Schiffsschraube, denkt Hauke. Der Fuß wurde sauber über dem Knöchel abgetrennt und liegt noch nicht lange im Wasser.
Auf dem Kutterschiff ist es totenstill geworden.
»Es tut mir sehr leid«, sagt er und nimmt sein Handy aus der Hosentasche, »wir müssen die Exkursion abbrechen.«

Blick ins Buch (Leseprobe)

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