„Geschichten der Alten Welt von Ulf vom Bärenberg“ von Bärbel Morsch

Die Geschichten der Alten Welt wurden bislang nur von ernannten Geschichtenerzählern des Landes bewahrt und ausschließlich mündlich weitergegeben. König Beltan vom Bärenberg will aber nun endlich alle Geschichten in Büchern zusammenfassen lassen, daher betraut er seinen Sohn Ulf mit der Reise zu den Erzählern. Und dafür wird es höchste Zeit, da sich in jüngster Vergangenheit die Todesfälle unter den alten Männern verdächtig häufen.

Die verfallenen Ruinen und Artefakte der untergegangenen Welt, und nicht zuletzt die Legende über eine noch immer existierende Energiequelle, stehen indes bereits länger im Interesse von Barnard vom Hohenwald. Nach jahrelangen Forschungen ist er kurz vor einer wichtigen Entdeckung, aber nun durchkreuzt Ulfs Vorhaben seine Pläne.

Ulf vom Bärenberg findet schnell heraus, dass diese Reise zu einem weit größeren Abenteuer wird, als er es sich je erhofft hatte, und er kommt der Alten Zeit dabei so nahe wie nie zuvor.

Kindle | Taschenbuch

Prolog
Der alte Mann legt noch ein Stück Holz auf das knisternde Feuer im Kamin und reibt sich behaglich die Finger. Mit einem Ächzen setzt er sich wieder, greift nach dem Krug und trinkt einen Schluck. Er nickt, die Wärme tut ihm gut.
Sein Enkel spielt im Feuerschein mit den Holzpferdchen, aber bald schon ist der Kleine müde und krabbelt ihm auf den Schoß.
„Großvater, erzähl mir von den alten Sachen!“
Er lächelt wehmütig. „Ach … die alten Sachen.“
„O ja, bitte.“
Er kann dem strahlenden Gesichtchen mit den leuchtenden Augen nicht widerstehen. „Na gut, überredet …“
Der Junge wird gleich einschlafen. Aber das hat ganz sicher nichts mit den alten Geschichten zu tun, denn die weiß er so vortrefflich zu erzählen wie sonst niemand mehr.
Sein Name ist Ulf.
Ulf vom Bärenberg.

Der Wunsch des Königs
Eine Horde Jungs stob laut kreischend an Ulf vorbei, gerade als er das Haus von Lehrmeister Gordon verließ. Die Kinder waren bewaffnet mit Stöcken und Holzschilden, sie schrien und johlten durcheinander, und er musste rasch ausweichen und sich gegen Gordons Haustür drücken, damit sie ihn nicht umrannten. Er schaute ihnen nach, wehmütig, und er lächelte. Oh, wie gern hätte er damals auch immer mit den Jungs gespielt, und sein Vater hätte es auch erlaubt. Aber die Jungs hatten ihn nie dabeihaben wollen. Sohn des Königs und so weiter, als wäre das ein Hindernis gewesen. Ulf hatte irgendwann aufgegeben und sie nur noch vom Turm aus beobachtet. Was hätte er zu jener Zeit dafür gegeben, mit den anderen zusammen zu sein, Streiche zu spielen und Jungengespräche zu führen.
Dafür lernte Ulf jetzt immer noch, obwohl er bald die dreißig Jahre anging, während die Jungs von früher bereits lange ihre Berufe hatten. Lehrmeister Gordon brachte ihm alles Mögliche bei, aber das Beste daran war, dass er die Bücher lesen konnte, die noch existierten. Bücher, die die Jahrhunderte unbeschadet überstanden hatten, knapp zwanzig Stück. Sein Vater, König Beltan, hütete diese Schatzsammlung in einem eigens dafür eingerichteten Raum in der Burg. Es waren herrlich dicke Bücher in festen Ledereinbänden, die dünnen Seiten aus feinstem Leder so exakt und sorgsam mit zahllosen Zeichnungen verziert, dass es eine Freude war, alles immer wieder und wieder zu betrachten.
Eine stattliche Anzahl von Schreibern arbeitete seit Jahren daran, diese Bücher zu kopieren und in andere Städte zu versenden. Dabei waren es nicht mal Originale aus der Alten Welt. Es waren Zeugnisse von Überlebenden, die ihr Wissen hatten festhalten wollen. Seit einiger Zeit schon drängte sein Vater dazu, irgendjemanden – womit er aber nicht ihn meinte – zu den Erzählern zu schicken, um alle Geschichten aufzuschreiben. Ulf hatte bereits mehr als einmal vorgeschlagen, selbst loszuziehen, aber Beltan hatte es vehement abgelehnt. In seinen Augen war es keine Sache von Ulf, diese Arbeit zu erledigen. Wohingegen Ulf davon überzeugt war, dass es ihm Spaß machen würde. Er käme im ganzen Land herum, könnte dabei mit Sicherheit enorm viel lernen, und, der wichtigste Punkt, es wäre endlich eine Aufgabe für ihn.
Und außerdem: Niemand war besser als er geeignet, das konnte er mit gutem Gewissen vertreten. Bis jemand genügend Vorwissen gesammelt hätte, würden vermutlich die restlichen Geschichtenerzähler alle gestorben sein. Er dagegen kannte jeden einzelnen, und er wusste, wo sie zu finden waren. Zudem respektierte er die Hintergründe der Geschichten, um sie achtsam aufzuzeichnen oder auch mal etwas zu hinterfragen.
Nein, laut Beltan sollte er sich die Sache aus dem Kopf schlagen.
Nur hatte sich bisher niemand gefunden, den sein Vater für dieses Vorhaben als gut genug erachtete.
Ulf war sich nicht ganz sicher, ob da vielleicht noch mehr dahintersteckte.
Manchmal kostete es enorme Mühe, den Gedankengängen seines Vaters zu folgen. Beltan war ein alter Fuchs, und in seiner Spontaneität so unberechenbar wie die Horde Jungs, die gerade laut plärrend und johlend zurückkam. Ein kleiner Hund jagte ihnen kläffend hinterher und Ulf schüttelte lachend den Kopf.
Da hörte er die Stimme Beltans. „Ah, mein Sohn! So ein glücklicher Zufall, dich hier zu treffen!“
Zufall? Wohl kaum … Ulf sah seinen Vater aus dem Schatten des Burgturmes hervortreten. Er hatte ihm dort aufgelauert, denn in dieser Ecke gab es nur Efeu und Blumenbeete. Nichts, womit König Beltan sich längere Zeit freiwillig beschäftigte.
Er setzte sich auf die Bank vor Gordons Haus und beobachtete seinen Vater, während er auf ihn zukam. Sein Gang war federnd und energisch, König Beltan war immer noch ein stattlicher Mann, bei dem nur tiefe Falten im kantigen Gesicht verrieten, dass er nicht mehr der Jüngste war. Die grauen Haare versteckte er unter einer ledernen Haube, die er lediglich zum Baden oder zum Schlafen zur Seite legte. Obwohl Ulf sich dabei auch nicht sicher war.
Und nur wenn es ihm als Vorteil erschien, ließ Beltan sich als alter Mann von achtzig Jahren gelten. Nun ja, beinahe, sein Jahrestag stand in den nächsten Wochen an.
„Ich grüße dich, Vater.“
Beltan ließ sich ächzend auf der Bank neben Ulf nieder. „Es wird anderes Wetter geben. Meine Knochen verraten es deutlich!“ Eine Hand auf der Hüfte unterstützte seine Worte.
Aha, er hat was vor.
„Ja, das Wetter schlägt sehr schnell um“, sagte Ulf.
Beltan blickte ihn misstrauisch an, doch Ulfs freundliches Lächeln schien ihn zu beruhigen. „Sag, Junge, was hast du heute bei meinem Bruder gelernt?“
„Wir haben uns über die Alte Welt unterhalten.“
„Oho, das ist ja mal was Neues“, sagte sein Vater und grinste.
Jeder wusste, dass er über nichts lieber redete und man ihn stets damit von einem unangenehmen Thema ablenken konnte. Nur ein Wort von der Alten Zeit, und Beltan fing Feuer.
„Ja, die Alte Welt!“, seufzte er. „Also damals, als ich das leuchtende Tal gesehen habe … Mensch, ich wünsche mir, dass du es dir auch mal anschauen könntest. Dieser Anblick! Ach wenn ich doch nur wüsste, wo das verflixt noch mal war.“
„Ich wundere mich immer wieder darüber, dass du das nicht mehr findest“, stichelte Ulf.
„Junge, weißt du, wie lange das her ist? Wir waren unterwegs, wollten uns in einer der Höhlen für die Nacht einrichten und noch ein wenig Holz und Beeren sammeln; und ein Kaninchen dazu … Aber es ist abgehauen, das Mistviech.“
Ulf lachte. „Es hat geahnt, was es werden sollte.“
„Aber ich sage dir: dieser Anblick! Ach, wenn ich daran denke!“
Er deutete auf seinen Unterarm, auf dem sich Gänsehaut zeigte, und Ulf lächelte. „Ich würde es gern mal sehen.“
„Tja, vielleicht finden wir es eines Tages. Wenn wir nur mal alle Geschichten der Alten Welt gesammelt hätten, dann wäre schon vieles gerettet.“
Ja, da ist das Thema …
„Dafür sind doch die Erzähler da“, sagte Ulf. „Sie bewahren die Geschichten.“
„Pah, die erzählen sie doch nur“, sagte Beltan und schaute traurig zu seinem Turm hoch, in dem die alten Bücher lagen. „Du weißt doch, was ich meine. Bücher müsste man davon haben, Junge. Dicke Bücher! Dann könnte jeder Mensch darüber lesen!“
„Du hast Bücher, Vater.“
„Ja, sicher, Ulf, aber die sind voll mit Zeichnungen, und sie enthalten nur wenige Beschreibungen, keine Geschichten. Es wird Zeit, dass jemand sie aufschreibt.“
Ulf schwieg, es stimmte, die Erzähler waren alt. Erst vor Kurzem hatte Gordon erzählt, dass Hubert Rothaar verstorben war.
Sein Vater schien Ulfs Gedanken zu erraten. „Junge, die Erzähler sterben. Vor wenigen Wochen Hubert, und gestern erst habe ich gehört, dass Jonathan vom Grasfeld todsterbenskrank ist.“
„Es sind alte Männer. Daran ist nichts Ungewöhnliches.“
„Ach ja? Wann ist man alt? Ich bin auch alt!“
Ulf lachte auf. „Vater, du? Niemals im Leben!“
„Pfff, ich sag dir, Hubert war erst hundertvier, das ist nicht alt. Und Jonathan ist so um die neunzig …“
„Ich wünsche mir nur einen einzigen Tag, an dem du mal keine Antwort auf etwas hast.“
„Mach so weiter und du fängst dir eine Ohrfeige!“
Beltan grinste.
Ulf lachte. Er liebte seinen Vater.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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