„Leonie: Männer und andere Pleiten“ von Ulrike Parthen und Bernd Kiesewetter

Da denkste, du hast den Jackpot gezogen und dann entpuppt sich der Typ als Idiot. Also, der Jonas. Wobei der Nils auch einer war, nur anders. So wird das wohl nichts mit dem Liebes-Happyend. Mutti liegt mir schon ständig in den Ohren, weil ich mit 29 meine Schäfchen dahingehend immer noch nicht im Trockenen habe. Dafür bin ich aber ja im Beruf erfolgreich, als Juristin und Führungskraft.

Allerdings gibt es auch da einen kleinen Störfaktor: diese komische Phobie, und die wird immer mehr zum echten Problem. Deswegen muss die hurtig wieder verschwinden. Aber finde mal den richtigen Coach für so `ne Sache, das ist eine Reise für sich. Ich probiere wirklich alles, damit ich endlich wieder normal werde – sogar einen von diesen Affirmationsratgebern habe ich gelesen. Und dann ist die schlimmste für mich vorstellbare Tragödie leider doch passiert. Lies gerne selbst. Grüße von der Leonie.

Ulrike Parthen | Kindle | Tolino | Taschenbuch

„Leg dich bitte auf die Liege und schließe die Augen.“ Mir wurde unheimlich bei der Bitte. „Warum?“ Blöde Frage, ich weiß. Aber man wird ja mal nachhaken dürfen bei seiner allerersten Coachingstunde im Leben. „Boah, Leonie!“ Okay, ich legte mich hin und wartete. Stille.
„Martin?“ „Pssst!“, unterbrach er meine Ungeduld. Dann aber, au Backe. Dann stellten sich plötzlich furchtbare Dinge heraus. „Ich kann jetzt alles deutlich sehen“, sagte er. Wie er das machte und vor allem wo, hätte ich in dem Moment zu gern gewusst. Ich hielt in der entscheidenden Phase jedoch lieber den Mund. Nicht, dass ich meine Heilung damit verpatzte.

„Herrje, du musstest sehr viel erleiden, Leonie … sehr viel“, murmelte er und wirkte wie in Trance. Ich wollte gerade schon antworten: „Ja, vor allem, als Papa mir mit sechs das Eis nicht gekauft hat, als wir auf dem Rummelplatz waren. Das war echt krass“, doch Martin sah wohl entscheidend mehr als ich. Wir beamten uns dazu weder auf den Rummelplatz und auch nicht zu Herrn Sockitt. Nein, plötzlich standen wir im Mittelalter, der Martin und ich. Mitten auf irgendeinem Platz wurde ich bestialisch ermordet. Sogar mehrfach! Seine Gesichtszüge entglitten.
„Boah, Leonie, das ist furchtbar!“ Konnte ich total nachvollziehen, denn ermordet zu werden, ist für niemand toll. „Stopp! Da ist noch was!“ Opps, es ging noch weiter. War ja spannender als jeder Hitchcock-Film. Ich mag diese alten Schinken. „Deine Geburt, Leonie, deine Geburt“, schrie er und war außer sich vor Schrecken.

„Sorry, Martin, an die kann ich mich leider nicht mehr erinnern“, versuchte ich enthusiastisch zu meiner Heilung beizutragen. „Nicht reden jetzt!“, kriegte ich dafür sofort einen Anschiss. Ich dachte angestrengt an meine Geburt zurück und war fest entschlossen, die Einzelheiten gedanklich erneut durchzuspielen. Es wollte mir partout nicht gelingen. Mir fielen dabei nur die Erzählungen einer Freundin ein. Sie hat vor kurzem ein süßes Mädchen mit den süßesten schwarzen Löckchen zur Welt gebracht, das ich je gesehen habe. Sie weiß daher definitiv und auch aus anderer Perspektive Bescheid. Es tat wohl sehr weh. Vielleicht war das bei meiner Geburt auch so gewesen.

„Da kann man ja nur phobisch werden!“, schloß Martin seine Gedankengänge ab. Jedenfalls sei im Endergebnis klar, dass sich in mir mindestens hundert Traumata befänden, argumentierte er weiter. So langsam legten sich auch seine entgleisten Gesichtszüge wieder. Der arme Martin, musste wegen mir so leiden jetzt.

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