„Liebesbrief statt Totenschein“ von Sabine Buxbaum

Die Nachricht, dass Melanie nur noch wenige Tage zu leben hat, veranlasst sie dazu, ein paar Abschiedsbriefe zu verfassen. Dabei lässt sie kein gutes Haar an ihrem Chef und dem Bürgermeister ihrer Heimatstadt Battle Creek in Minnesota. Auch ihr Nachbar bleibt nicht verschont, denn er erhält einen Liebesbrief, der ihm Melanies geheime Gefühle offenbart.
Dumm nur, dass es im Krankenhaus zu einer Blutprobenverwechslung kam und Melanie doch nicht stirbt. Den Job ist sie gleich los, aber in Battle Creek warten noch ganz andere Herausforderungen auf sie: Ihre Briefe haben nicht nur ihre Nachbarn, sondern die gesamte Stadt aufgewühlt. Ist die Teilnahme am Drei-Städte-Wettbewerb Melanies Chance, alles wiedergutzumachen?

Sabine Buxbaum | Kindle | Tolino | Taschenbuch

„Eine Verwechslung?“, fragte Melanie erschrocken. Sie war ohnehin schon blass, aber jetzt spürte sie, wie ihr die letzte Farbe aus dem Gesicht wich. Sie sah noch die schuldbewusste Miene des Arztes, dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Als sie erwachte, lag sie im Krankenbett, das die letzten Tage ihr Zuhause gewesen war. Auf der Bettkante saß ihre Schwester Anne und hielt ihre Hand.
„Geht es dir besser?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme.
Melanie richtete sich auf. „Ich hatte einen verrückten Traum. Der Arzt sagte mir darin, dass ich doch nicht sterben werde. Es sei zu einer Probenverwechslung im Labor gekommen. Ich hätte nicht akute Leukämie, sondern lediglich einen starken Eisenmangel.“
Anne lächelte zu Melanies Erstaunen. „Es war kein Traum. Ich kann es auch kaum glauben. Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, dass du ganz gesund wirst. Die letzten Tage waren für Mutter und mich eine Tortur. Wir haben ununterbrochen geweint, nachdem du uns die Diagnose mitgeteilt hast. Aber zum Glück wird sich jetzt alles zum Guten wenden.“
Melanie war so verdutzt, dass sie einen Augenblick nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Vor drei Tagen wurde ihr offenbart, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hätte und jetzt stellte sich heraus, dass es ein riesengroßer Irrtum war. Normalerweise sollte sie vor Freude aus dem Bett springen. Aber sie spürte nur einen schweren Klumpen in ihrer Magengrube.
„Was ist los mit dir?“, hakte Anne nach. „Du bist auf einmal so blass. Keine Sorge, nach den zwei Blutkonserven und der Eiseninfusion wird es dir rasch besser gehen.“
„Du hast doch die Briefe noch nicht aufgegeben?“, fragte Melanie vorsichtig.
„Das habe ich schon gemacht. Sofort, nachdem du sie mir überreicht hast. Sie sind mittlerweile bestimmt angekommen.“
Melanies Hände zitterten auf einmal und Hitze stieg ihr ins Gesicht. Was hatte sie nur angerichtet?
Anne musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Was stand denn in den Briefen?“
„Mein Todesurteil“, antwortete Melanie tonlos.
„Es ist verständlich, dass du ein paar Leute darüber in Kenntnis gesetzt hast, dass dein Ableben bevorsteht. Jetzt werden sich bestimmt alle freuen, dass es nicht so ist“, vermutete Anne.
Melanie schüttelte den Kopf. „Du verstehst es nicht. Wenn diese Briefe ihre Empfänger erreicht haben, ist das mein Todesurteil.“
„Ich verstehe kein Wort. Was hast du denn reingeschrieben? Hast du deinem unsympathischen Chef mitgeteilt, dass er dich in Zukunft kreuzweise kann?“ Anne lachte, als sie das sagte, denn sie hatte es als Joke gemeint.
„Richtig geraten“, erwiderte Melanie. „Ich habe im Abschiedsbrief meinem Chef die Meinung gegeigt. Ich habe geschrieben, dass er kaltherzig, intrigant und egoistisch ist und ich längst weiß, dass er meine Kollegin Sue nur befördert hat, weil er mit ihr ein Schäferstündchen hatte.“
„Was?“, rief Anne entsetzt und jetzt war auch ihr die Farbe auch dem Gesicht gewichen. „O mein Gott. Dann wirst du ab Montag wohl keinen Job mehr haben. Verdammt. Warum hast du so etwas gemacht?“
„Weil ich dachte, dass ich den Montag nicht erleben werde“, erklärte Melanie verzweifelt. So langsam wurde ihr die Tragweite ihrer Handlung bewusst. Obwohl sie froh darüber war, dass sie überleben würde, wünschte sie sich ein Loch, in dem sie verschwinden konnte.
„Vielleicht hat er den Brief noch nicht gelesen“, meinte Anne optimistisch, aber Melanie hatte da weniger Hoffnung.
„Den Job bin ich wohl los.“ Melanie arbeitete in einer Softwarefirma in Saint Paul in Minnesota, wo sie im Marketing tätig war. Sie hatte die Stelle nach dem College bekommen, an dem sie Kommunikationsdesign studiert hatte. Anfangs lief es dort gut und sie fühlte sich wohl. Doch dann wurde ihre Chefin gegen einen Mann ausgetauscht, der ihr die Freude an der Arbeit nahm. Victor Miller war cholerisch, narzisstisch und traf ungerechte Entscheidungen. Und Melanie war ganz eindeutig nicht sein Typ. Er stand auf Frauen, die im Minirock um ihn herumwedelten, ihn mit Komplimenten überhäuften und alles taten, was er von ihnen verlangte. Melanie war eine der wenigen, die sich traute, an Vorschlägen ihre Kritik anzubringen. Es dauerte nicht lange, bis sie kaum mehr etwas von dem machen durfte, wofür sie eigentlich eingestellt wurde. Sie wurde immer öfter zum Kaffeekochen degradiert. Von den Kollegen gab es so gut wie keinen Rückhalt, denn sie konkurrierten miteinander. So ungerecht der Boss war, so vorteilhaft war nun mal die Stelle. In dieser Firma zu arbeiten, schaffte eine Basis für andere Jobs in den großen Metropolen. Und Melanie träumte davon, in New York oder Chicago einen Job zu finden. Die Chancen durch ihre Ausbildung standen zwar gut, dennoch erwarteten die großen Bosse eine mehrjährige Berufserfahrung. Aus diesem Grund hielt Melanie durch und kündigte nicht voreilig. Aber das Arbeitsklima wurde zunehmend unerträglicher.
Der Abschiedsbrief bot ihr die Möglichkeit, all den aufgestauten Gefühlen Platz zu machen. Sie wollte ihrer Wut Raum geben und aufzeigen, was in der Firma falsch lief. Dem Brief würde unabwendbar eine fristlose Entlassung folgen. Vielleicht war es besser so. Allerdings würde sie dann wohl auch aus der Firmenwohnung fliegen, die sie günstig gemietet hatte. Melanie wusste, dass sie jederzeit in ihrem Elternhaus wohnen konnte. Anne und ihre Mutter würden sie mit Sicherheit herzlich zu Hause in Battle Creek aufnehmen, aber Melanie hatte nicht nur Briefe an ihren Chef geschickt. Einige Bewohner von Battle Creek hatten auch überraschend unerfreuliche Post bekommen.
Battle Creek war Melanies Geburtsort und nicht weit von Saint Paul entfernt. Eine kleine Stadt mit gerade mal zehntausend Einwohnern. So klein, dass sich die meisten Leute kannten. Melanie hatte, bis ihre Collegezeit vorbei war, dort gewohnt. Dann übersiedelte sie mit ihrem damaligen Freund nach Saint Paul. Ihre Schwester Anne zog es vor, in Battle Creek zu bleiben und baute dort an das Elternhaus an, sodass ein Reihenhaus entstand. Melanie war froh darüber, denn vor zehn Monaten verstarb ihr Vater plötzlich und dank Anne war ihre Mutter nun nicht allein. Der unerwartete Tod des Vaters hatte alle sehr mitgenommen. Melanie hatte eine innige Beziehung zu ihm. Sie teilte seine Liebe zu Blumen und wann immer die Zeit es zuließ, gestalteten sie gemeinsam den Garten um. Gern waren sie aber auch einfach nur auf der Veranda gesessen und hatten über Gott und die Welt geplaudert. Und besonders gern über die Einwohner von Battle Creek.
„Du findest einen neuen Job“, munterte Anne auf. „Du warst dort ohnehin nicht glücklich. Nimm es als schicksalshafte Wendung. Wichtig ist, dass du wieder gesund wirst. Das ist das Einzige, was zählt.“
Melanie konnte dem nur zustimmen. Die schockierende Nachricht vor ein paar Tagen hatte ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie konnte nicht mehr klar denken. Vielleicht hatte sie dieser Umstand dazu verleitet, Abschiedsbriefe zu verfassen. Schlimm war nur, dass der Inhalt der Briefe verhängnisvoll war und sie in Schwierigkeiten bringen könnte. Sie hielt es für besser, Anne vorerst nichts vom Inhalt der anderen Briefe zu erzählen.
„Mum ist überglücklich, dass alles so gut ausgegangen ist“, erzählte Anne.
Melanie versuchte zu lächeln, doch es fiel ihr ausgenommen schwer. Sie wollte gerade etwas erwidern, als ein Arzt das Zimmer betrat. In der Hand hielt er eine Blutkonserve. Den Anblick fand Melanie nicht sehr appetitlich. Auch ihre Schwester Anne nicht, sie zog ihre Mundwinkel weit nach unten.
„Ich geh dann wohl jetzt besser. In drei Tagen wird man dich entlassen. Ich freue mich schon, wenn du uns besuchen kommst.“ Sie drückte Melanie noch einen Kuss auf die Stirn, zwinkerte dem Arzt zu und verließ rasch das Krankenzimmer.
„Es tut mir wirklich sehr leid, dass es zu dieser dramatischen Verwechslung kam“, entschuldigte sich der Arzt und Melanie sah ihm an, dass er wirklich zerknirscht wirkte. Sein Blick war gesenkt und seine Schultern nach vorn gezogen.
Er hatte sie in eine sehr schwierige Situation gebracht. Sie hatte allen Grund wütend zu sein, aber wie schnell etwas falsch laufen konnte, hatte sie in den letzten Minuten selbst festgestellt.
„Schon gut“, erwiderte sie tonlos. „Ich hoffe, die Konserve ist keine Verwechslung?“
Der Arzt schüttelte den Kopf. „Wir können Sie übermorgen entlassen.“
Die verbliebenen Tage würden kaum reichen, um eine Lösung zu finden, wie sie ihr Schlammassel beseitigen konnte. Zunächst musste sie berichtigen, dass sie nicht sterben würde. Ob sie wollte oder nicht, würde sie am Montag bei ihrem Chef damit anfangen. Je schneller sie diese Tortur hinter sich brachte, desto besser war es.

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