„Seelenopfer“ von Robert Kopic

Der zwanzigjährige Student Alex wird beim Joggen am Rhein von einem Blitzschlag getroffen.

Vier Wochen später wacht er aus dem Koma auf und muss feststellen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Nicht nur, dass er wegen des langen Wachkomas körperliche und geistige Probleme hat, auf einmal sieht er auch noch Dinge, die nicht real sein können. Seltsame Kreaturen wandeln im Krankenhaus umher. Da außer ihm niemand diese Wesen sehen kann, fängt er an, an seinem Verstand zu zweifeln. Nur seine beste Freundin Sam steht ihm bei, als der Rest der Welt ihn für verrückt erklärt und wegsperren will. Als die ersten Menschen sterben, hat das Duo Gewissheit: Fremdartige Kreaturen treiben in der alten Römerstadt am Rhein ihr Unwesen. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen die Bedrohung auf. Köln ist Zentrum der Schlacht zwischen den beiden Freunden und einer höllischen Bedrohung. Dabei steht mehr als nur ihr Leben auf dem Spiel.

Robert Kopic | Kindle | Taschenbuch

»Verdammt, Großer, sprich sie endlich an«, sagte Sam, während sie ein Stück vor mir entlanglief. »Ich bin es langsam echt leid.«
Sie hielt so ruckartig vor mir an, dass ich sie beinahe über den Haufen gerannt hätte. Erst im letzten Moment kam ich zum Stehen, konnte aber nicht verhindern, dass ihr Gesicht gegen meine Brust stieß. Verwirrt schaute ich zu ihr hinab, wobei mich weniger die abrupte Handlung, sondern eher der plötzliche Themenwechsel irritierte. Mit einem kleinen Anflug von Neid musterte ich sie. Wie immer beim Laufen trug sie knielange Leggings und ein schwarzes, übergroßes T-Shirt, in dem ihre zierliche Figur komplett verschwand. Zwar klebten ihr ein paar blaue Haarsträhnen im Gesicht, aber ansonsten war ihr kaum anzumerken, dass wir seit über einer halben Stunde den Rhein entlangjoggten. Ich dagegen war schon nach zehn Minuten am Schnaufen gewesen. Obwohl ich längere Beine hatte als sie, musste ich mich anstrengen, mitzuhalten. Nicht dass ich unsportlich war, aber Sammy Jo, oder Sam, wie sie am liebsten genannt wurde, war ein echtes Sportgenie. Schlank und durchtrainiert reichte sie mir mit ihren eins sechzig kaum über die Brust. Dafür war sie mit einer Energie erfüllt, die es einem schwer machte, mit ihr Schritt zu halten.
»Und was soll ich zu ihr sagen?«, fragte ich leise, während ich zusah, wie sie sich wieder in Laufrichtung wandte und weiterrannte. »Hey, ich bin Alex. Du kennst mich zwar nicht, aber ich bin scharf auf dich. Lass uns heiraten und Babys machen«, ergänzte ich mit tiefer Stimme.
»Mit zwanzig sind wir vielleicht noch etwas jung für, daher würde ich bei dem Thema Kinder eventuell auf einen geeigneteren Zeitpunkt warten«, sagte Sam, nachdem sie kurz lachen musste. »Aber ansonsten wäre das doch schon mal eine coole Ansage.«
»Und du glaubst allen Ernstes, das zieht?«, fragte ich.
Erneut blieb Sam abrupt stehen und fixierte mich mit ihren grünen Augen. »Manchmal wundere ich mich, wie naiv du sein kannst.«
Bei jedem anderen wäre ich nach so einem Spruch tödlich beleidigt gewesen. Bei Sam nicht. Verlegen zuckte ich mit den Schultern und wich ihrem Blick aus, indem ich über den Rhein hinweg zum Dom schaute. Sie hatte ja recht, aber ich wollte es nicht versemmeln.
»Sorry«, sagte Sam und legte mir die Hand auf den Arm. »Aber hey, du hast ja mich. Ich gebe dir gerne Tipps, wie es mit so einer Obertussi wie Jenny klappen könnte.«
»Sie ist keine Tussi.« Wobei ich gestehen musste, dass im Vergleich zu Sam wahrscheinlich so gut wie jedes Mädel in diese Kategorie fiel.
»Was findest du denn eigentlich an der?« Während sie sprach, begann Sam wieder Tempo aufzunehmen, sodass ich mich beeilen musste, hinter ihr herzukommen.
»Keine Ahnung. Ich mag sie einfach.«
»Hast du dich überhaupt schon mal richtig mit ihr unterhalten?«
Beleidigt visierte ich ihren Rücken an. Das war ein Tiefschlag und das wusste sie genau. »Es ist einfach magisch. Echte Liebe auf den ersten Blick.«
»Boah, ich kotze gleich. Jetzt klingst du wie eine Obermuschi. Hölle, ist das peinlich.«
Ihr Lachen raubte dem Satz die Schärfe. Ich war aber auch selbst schuld. Was gab ich ihr die Munition frei in die Hand? Sie würde sich nie die Gelegenheit auf einen dummen Spruch entgehen lassen. Da nahmen wir uns nichts.
»Lach du nur, aber du weißt genau, was ich meine. Ich sehe doch, wie Bert dich anschaut. Dein Boy Toy ist über beide Ohren in dich verliebt.«
»Hm, ich …«
Ein lautes Donnern schnitt ihre Antwort ab und brachte uns dazu, nach oben in den Himmel zu schauen.
»Oh, was kommt da denn runter?«, fragte ich erstaunt.
Als wir losgelaufen sind, war es zwar leicht bedeckt, aber ansonsten ein angenehmer Spätsommerabend gewesen. Sogar erstaunlich warm für Anfang September. Jetzt jedoch hatte es sich richtig zugezogen. Der Regen war noch einige hundert Meter entfernt, aber als dichter Vorhang sehr gut zu erkennen. Eine schwarze Wand ragte über den Dom hinaus und hielt frontal auf uns zu.
»Lass uns in der Bude da drüben unterstellen«, schlug Sam vor.
Ohne auf eine Antwort zu warten, rannte sie schon den Hang hinauf in Richtung eines Gebäudes. Das Haus war ein purer Rohbau, mit leeren Fenster- und Türlöchern, fehlendem Außenputz und nur mit einer Plane über dem Dach, die an einem Ende wild im Wind flatterte. Ich tippte aber eher auf eine Bauruine statt eines Neubaus, da mittlerweile die Natur einen Teil der Hütte zurückerobert hatte. Efeu und Kletterpflanzen wucherten die Wände hinauf.
Obwohl ich mich beeilte, kam ich kaum hinter Sam her. Wie eine Bergziege kraxelte sie den Hang hoch und lief mit kurzen, schnellen Schritten auf das Haus zu. Ich tat mich schwer mit der Steigung, gelangte aber schließlich oben an und blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Jetzt war ich wirklich fertig. Zu allem Überfluss holte der Regen mich ein. Innerhalb von Sekunden war ich bis auf die Knochen durchnässt. Die Luft kühlte augenblicklich ab und der Wind zerrte an meiner Kleidung. Die letzten Meter lief ich in leichtem Trab zum Haus hinüber. Ich war eh nass, da nutzte es nichts mehr, mich groß anzustrengen.
Über uns explodierte der Himmel, ein Donner nach dem anderen krachte in kurzen Abständen. Sam erwartete mich schon auf der kleinen überdachten Treppe, die hoch zum Eingang führte.
»Uhh. Du bist ja nass«, stellte sie damit das Offensichtliche fest, während sie ihre Nase bei meinem Anblick rümpfte.
»Ne, mach Sachen. Bist du da ganz allein draufgekommen?«, fragte ich und verdrehte in gespieltem Frust die Augen.
Sie zuckte nur mit den Schultern und lächelte mich schief an. Da es keine Tür gab, gingen wir ungehindert zusammen in das Gebäude. Müll stapelte sich in den Ecken. Eisenstangen ragten alle paar Meter wild aus dem Boden heraus und überall lagen Mauerbrocken verstreut herum. Sam steuerte schnurstracks auf eine große Tonne zu und schaute hinein.
»Sag mal, hast du Feuer?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
»Logo«, antwortete ich und presste die Lippen zusammen. Verflucht, mir war auf Anhieb klar, dass ich in eine Falle getappt war.
In Zeitlupe drehte Sam sich um und legte den Kopf schräg. Sie schleuderte mir regelrechte Blitze entgegen. »Wieso hast du Feuer dabei?«, fragte sie lauernd, wie ein Raubtier, das nur auf den Fehler ihres Opfers wartete.
Ihrem Blick ausweichend kratzte ich mich am Kopf und schaute nach draußen. Ein dichter Regenvorhang schien die Welt vorm Gebäude verschluckt zu haben. Ich konnte kaum ausmachen, was in einigen Schritt Entfernung war.
»Alex?« Langsam trat sie auf mich zu. »Erzähl mir jetzt bitte nicht, dass du wieder qualmst.«
Ihre Stimme hatte einen enttäuschten Unterton, der mich wie ein Schwinger in die Magengrube traf. Sie blieb vor mir stehen. Gezwungenermaßen blickte ich auf sie hinab, brachte aber keinen Ton heraus. Irgendwann drehte sie sich kopfschüttelnd um und marschierte durch das Zimmer hindurch auf ein großes Loch in der Außenwand zu, das wohl in grauer Vorzeit als Ausgang zu einer Terrasse geplant war.
Ihre Schritte knirschten auf dem Boden. Kurz überlegte ich, ob es nicht gesünder war, drinnen zu bleiben. Stattdessen atmete ich tief durch und folgte ihr. Sie stand am Rand der Veranda im Regen. Ich stellte mich neben sie und schaute hinab. Auch hier konnte man erkennen, dass das Haus sich weit von der Fertigstellung entfernt befand. Eine gut drei Meter tiefe Grube schloss direkt an der Terrasse an. Der Regen hatte dafür gesorgt, dass sich unten am Boden eine große Pfütze gebildet hatte.
»Du rauchst wieder?«, fragte Sam, ohne sich umzudrehen. Am Tonfall war klar, dass das keine Frage, sondern eine Feststellung war und dass sie darauf nicht wirklich eine Antwort erwartete. »Du wolltest doch aufhören.«
Erneut konnte ich die Enttäuschung in ihrer Stimme wahrnehmen. »Ich hab’s ja versucht«, sagte ich. »Aber der Stress der letzten Wochen war echt heftig. Die ganzen Prüfungen, dazu die Nachtschicht im Lokal. Da musste ich einfach zwischendurch eine rauchen, um mich zu entspannen.«
Verlegen schaute ich zu Boden, als sie sich langsam zu mir umdrehte. Ansatzlos ließ sie ihre Faust auf meinen Oberarm knallen. Schmerzerfüllt rieb ich mit der Hand darüber, sagte aber nichts.
»Du Arsch«, erneut schlug sie zu, wobei sie diesmal auf die andere Seite zielte.
Ich hatte halbwegs damit gerechnet und versuchte, sie abzuwehren, aber sie war zu schnell. In perfekter Kampfpose tänzelte sie um mich herum und schoss ein paar Angriffe in Richtung meiner Brust ab. Meine Abwehr stellte kein Problem für sie da. Ohne Mühe traf sie mich mehrfach. Ich wusste, dass das nicht daran lag, dass ich so schlecht, sondern sie so gut war. Sie betrieb schon seit ihrem fünften Lebensjahr Kampfsport, vor allem Shotokan Karate, und das merkte man ihr an.
»Versprich mir, dass du aufhörst.« Sie blieb knapp vor mir stehen und sah mir fest in die Augen. Ich konnte spüren, wie sich meine Nackenhaare aufstellten.
Über uns donnerten die Blitze wie die Kanonen in einer Schlacht. Das Leuchten spiegelte sich in Sams Pupillen wider, während ich über ihre Forderung nachdachte.
»Einverstanden«, erwiderte ich. »Ab jetzt werde ich nicht mehr rauchen. Versprochen!«
Alle meine Haare schienen steil vom Körper abzustehen, als ich die Worte aussprach. Sam lächelte und umarmte mich stürmisch.
»Danke«, flüsterte sie. »Ich will dich lahme Ente nicht frühzeitig wegen deiner Glimmstängel verlieren.«
Ich hörte ihr nur mit einem Ohr zu. Irgendwas stimmte nicht. Meine Haut fühlte sich an, als ob tausend kleine Ameisen darüber krabbeln würden. Ich bekam nur am Rande mit, dass Sam weitergesprochen hatte, und im Satz abbrach, um mich neugierig zu mustern. Vor uns ging komplett die Welt unter. Das Gewitter musste jetzt über uns sein. Kaum leuchtete ein Blitz auf, knallte es schon. Der Regen war so dicht, dass es wie eine Wand wirkte.
»Alex?«
Ich warf ihr nur einen kurzen Blick zu und starrte sofort wieder nach draußen. Das Kribbeln auf meiner Haut nahm sekündlich zu und tat beinahe weh. Erneut zuckte ein Blitz über den Himmel. Mein Instinkt übernahm, ohne dass ich es selbst verstand. Ich packte Sam am Handgelenk und wirbelte um meine eigene Achse, wobei ich sie mitzog. Sie war ein Leichtgewicht und von der Aktion völlig überrascht. Ich hörte, wie sie über die Terrasse hinausstolperte und nach unten in der Grube verschwand. Im gleichen Moment wurde die gesamte Welt von einem grellen weißen Licht und einem Meer aus Schmerzen verschlungen.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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