„Mondscheinzimmer“ von Sabine Lettau

Band 2 der Jochanan-Trilogie.

Alles Sichtbare ist nur Schein …

Luise und ihre beste Freundin Schnee fiebern der Museumseröffnung von Burg Cummersee entgegen – das Prunkstück der Ausstellung ist eine tödliche Rubinkette. Sie ahnen nicht, dass dieser Abend eine Reihe verhängnisvoller Ereignisse in Gang setzt … da ist die geheimnisvolle Italienerin, die Luise und Schnee warnt, und Maxim, in den Schnee sich verliebt und der die Familienlegende kennt, die mit dem rätselhaften Rubinring aus dem Nachlass ihrer Mutter verbunden ist.

Bei ihren Nachforschungen stoßen die Freundinnen auf weitere mysteriöse Details – Luise in den gefluteten Gewölben des Klosters Cummersee und Schnee bei ihrem Besuch in Schloss Wildenfels. Endlich kommt Schnee mit Hilfe von Maxims Familie ihrer Familiengeschichte auf die Spur.

Noch ahnt niemand, welche jahrhundertealten Geheimnisse das Tapetenschloss im Erzgebirge birgt, deren Macht bis in die Gegenwart wirkt und die Freundinnen in tödliche Gefahr bringt.

Sabine Lettau | Kindle | Taschenbuch

Als ihre Großmutter ihr gegenüber saß und ein altes Lederfutteral neben den Rubinring auf den Tisch legte, fühlte sich Schnee wie in einem Roman. Eine Kordel wand sich darum und Siegelwachs verschloss den Knoten. Sie betrachtete die Lederrolle, ohne sie zu berühren.
„Fass sie ruhig an. Sie beißt dich nicht.“
Behutsam nahm Schnee sie auf und wog sie in ihrer Hand. „Sie ist leicht.“
„Es sind Pergamentbögen darin.“
„Wie bist du dazu gekommen?“
„Als ich eine junge Frau war, gab meine Mutter mir den Ring und diese Dokumentenhülle. Sie hatte beides von ihrer Mutter und diese von ihrer … das Ritual blickt auf eine lange Tradition in unserer Familiengeschichte zurück.“ Die alte Frau musterte den Ring und drehte ihn ein Stück, sodass das Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, den Stein traf und zum Leuchten brachte. „Ein prachtvoller Rubin.“
Schnee starrte fasziniert auf den Stein, in dem Feuer zu glimmen schien. So vergingen Minuten, in denen sie schwiegen und das glutvolle Rot beobachteten.
„Wie lange gehören der Ring und die Dokumente unserer Familie?“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Großmutter. „Seit mehr als fünfhundert Jahren.“
„Fünfhundert! Sagt wer?“
„Das verriet mir deine Mutter. Sie hat die Rolle zusammen mit deinem Vater geöffnet.“
„Dann muss das vor seinem Tod gewesen sein. Aber warum hat sie nie ein Wort zu mir gesagt!“
Ihre Oma sah sie hilflos an und schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“
„Hast du die Dokumente auch selbst gelesen?“
„Mein Mädchen, das Wissen, so alte Papiere lesen zu können, ist schon lange selten geworden. Ich vermag es nicht.“
„Deine Mutter oder Großmutter, was erzählten sie dir dazu?“
„Meine Mutter sagte mir, dass wir den Ring zur Verwahrung erhalten hätten. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem er klug verwendet werden könnte.“
„Was meinte sie damit? Klug verwendet werden …“
„Sie wusste es nicht. Dein Großvater und ich haben lange über diese Worte nachgedacht. …“ Sie lächelte. „Ich habe mir als junge Frau gern sentimentale Geschichten dazu ausgesponnen. Von einer großen Liebe und einer Romanze wie bei Romeo und Julia.“ Die Erinnerung daran ließ ihr Gesicht leuchten.
„Wie bist du auf eine Liebesgeschichte gekommen?“ Sie nahm die Hand ihrer Großmutter, die auf dem Tisch ruhte.
„Es gibt dazu noch eine Art Legende, die jede Mutter ihrer Tochter erzählt und die sehr rätselhaft klingt.“
„Eine Legende?“
„Ach, ich hätte mir so gewünscht, jetzt hier mit deiner Mutter zu sitzen, dir den Ring zu übergeben und die Überlieferung zu erzählen.“ … Sie griff nach der anderen Hand ihrer Enkelin und begann zu rezitieren:

„In einem Stein gefangene Liebe
Der aufrichtigsten und selbstlosesten Art.
Sei Schutz vor dem Odem des Bösen,
dessen kaltes Antlitz sich in der Schönheit offenbart.

Altschnee sollte den Flammen weichen
Entfacht von der Goldenen durch Tücke bis zum Tod!
Wenn die falsche Gier siegt ihn zu erlangen,
dann beugen Schatten der Nacht das Rot!“

Schnee musterte ihre Großmutter verblüfft. „Ist das aus einem Buch geklaut?“
„Nein, mein Kind. Meine Mutter hat mir hoch und heilig erklärt, dass dieser Spruch zum Ring gehört und nur von der Mutter zur Tochter weitergegeben wird. Wir haben nie mit Fremden darüber gesprochen. Er ist eine Art Familiengeheimnis.“
Schnee beugte sich über den Tisch. „Was haben meine Eltern dir dazu erzählt?“
„Sie … wollten nie über den Inhalt sprechen.“
„Warum das denn?“ Schnee sprang auf und lief durch den Raum.
„Deine Mutter wirkte, als ob sie der Inhalt der Papiere … erschüttert hätte. Anfangs habe ich sie gedrängt, mir davon zu erzählen. Sie meinte, es wäre besser für mein Seelenheil, wenn ich es nicht wüsste.“ …
Die Oma blieb still und malte mit der Fingerkuppe kleine Kreise auf die Tischplatte. Dann flüsterte sie: „Ich habe den Ring ein einziges Mal an meinen Finger gesteckt. Und da griff ein fremdes Gefühl nach mir.“ Sie fasste sich an die Brust. „Wie soll ich es erklären? Als wäre etwas falsch. Ich glaube, er ist einfach nicht für mich bestimmt.“
Schnee schaute sie forschend an. „Ein Gegenstand kann das nicht auslösen. Da muss dir deine Fantasie einen Streich gespielt haben.“
„Vermutlich hast du recht.“
„Meine Mutter … was denkst du, warum hat sie nie mit mir darüber gesprochen?“
„Diese Frage kann ich dir leider nicht beantworten. Sicher wollte sie den richtigen Zeitpunkt dafür abwarten. Und dann …“
„Omi, was hältst du davon, wenn wir die Lederrolle jetzt öffnen und uns den Inhalt anschauen? Falls wir es nicht lesen können, frage ich an der Uni nach.“ Schnee griff danach.
„Tu es nicht! Bitte!“
In den Augen ihrer Oma lag so viel Angst, dass Schnee innehielt. „Was ist mit dir? Warum jagt dir das so einen Schrecken ein?“
„Ich habe deine Mutter damals gesehen, nachdem sie es entschlüsselt hatten. Der Inhalt verfolgte sie monatelang. Sie war stiller als sonst und schlief nachts schlecht. Wer weiß, was darin steht. Du hast zurzeit schon genug Sorgen, bürde dir nicht auch das noch auf. Warte den richtigen Zeitpunkt ab!“
„Wann?“
„Du wirst es wissen. Glaube mir.“

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