„Die Grenze der Dunkelheit“ von Michael Hirtzy

Im Jahr 2195 hat die Menschheit das Sonnensystem erobert. Auf dem Weg zu weiteren bewohnbaren Planeten verbringen Kolonisten Jahrzehnte im Kryoschlaf, um das Ziel ihrer Träume zu erreichen. Bis die Entwicklung des Portalantriebes die Hoffnung weckt, die Tore zur Galaxis aufzustoßen.

Doch der Jungfernflug des experimentellen Forschungskreuzers Koukishin scheitert und das Schiff unter dem Kommando seines Schöpfers, Ishmael Molina, verschwindet spurlos. Vierzig Jahre später tauchen Hinweise auf den Verbleib der Koukishin auf. Eine kleine Crew bricht auf, um das Rätsel zu lösen – nicht ahnend, dass sie damit eine Bedrohung entfesselt, der die Menschheit nichts entgegenzusetzen hat.

Mitreißender Science Fiction Thriller über menschliche Überheblichkeit und wissenschaftlichen Fortschritt. Für Fans realistischer, packender und mysteriöser Romane.

Michael Hirtzy | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Zweiundfünfzig Stunden waren vergangen, seit Akif mit seinem Leben abgeschlossen hatte.
Warum hatte er sich mit seiner altersschwachen Barke auf diesen Job eingelassen? Die Antwort war so einfach wie niederschmetternd.
Weil er verzweifelt war. Die 87 Jahre alte Hanabira war schrottreif und ihm fehlte das Geld, sie reparieren zu lassen. Niemand vergab Aufträge an einen Schrottsammler, der mit 109 Jahren um etliches älter als sein Schiff war und gesundheitlich kaum besser dastand als die Technik seines veralteten Kahns. Den Zeitpunkt abzuspringen hatte er längst versäumt. Seine Reserven, die selbst zu den besten Zeiten nur für einen bescheidenen Ruhestand gereicht hätten, waren aufgebraucht. Jetzt war er pleite und hatte sich in seiner Hilflosigkeit auf dieses Himmelfahrtskommando eingelassen.
Dabei brachte die Bergung der jahrzehntealten Forschungsbojen im Kuipergürtel bestenfalls genug Geld ein, um die Aufwendungen für die ganze Mission zu bezahlen. Aber was blieb ihm anderes übrig? Immer noch besser, als darauf zu warten, dass die Maschinen der Hanabira im Enceladus-Dock vor sich hin rotteten, während die Liegegebühren Geld auffraßen, über das er gar nicht verfügte. Also hatte er den Job angenommen und war mit einem ISC Tender an den Rand des Sonnensystems geflogen.
Drei Tage lang hatte alles geklappt. Dann waren zwei der drei Kühlmittelleitungen geplatzt. Die mit Hochdruck austretende Flüssigkeit hatte eine Spur der Verwüstung durch den Maschinenraum gezogen. Die Lebenserhaltungssysteme waren hinüber. Genauso wie die Funkanlage und das Kühlsystem des Antriebs. Akif hatte es gerade noch in den Schutzanzug geschafft und zu überlegen begonnen, ob es nicht einfacher gewesen wäre, die Ausstiegluke seiner Barke zu öffnen und sich der unbarmherzigen Kälte des Vakuums auszusetzen.
Da hatte die Ortung angeschlagen. Sechsundvierzig Stunden später war er an seinem Ziel, und am Ende der Kapazitäten der Hanabira angekommen. Der Antrieb war überhitzt, der Sauerstoffvorrat seines Anzuges ging zur Neige.
Aber die Aussicht, die Akif durch die Sichtscheibe erblickte, ließ in ihm die Hoffnung keimen, dass er aus der Scheiße, in der er steckte, doch noch Gold machen könnte.
Er wollte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm, im Orbit des winzigen Plutomondes Kerberos, driftete ein gigantisches Schiff. Er brauchte keine Datenbank, um zu wissen, was da vor ihm lag. Jedes Kind kannte die tragische Geschichte und das Aussehen der Koukishin. Es hatte kein zweites Schiff seiner Art gegeben. Kantig, wuchtig und mit den massiven Aufbauten für den experimentellen Antrieb hing es vor ihm im Nichts.
Das Meisterwerk der Technik, das vor rund vier Jahrzehnten aufgebrochen war, um die als unüberwindbar geltende Grenze zur überlichtschnellen Raumfahrt zu überschreiten. Von ihrem Jungfernflug durch das eigens dafür gebaute Transferportal war sie nie zurückgekehrt. Das Ziel ihrer Reise, das unter immensem Aufwand nach Proxima Centauri gebrachte Gegenportal, hatte sie nie passiert.
Niemand wusste, was mit der Koukishin und ihrer Crew geschehen war. Eben dieses Schiff lag nun vor ihm. Leblos, beschädigt, nur darauf wartend, von ihm in Besitz genommen zu werden. Die Wiederentdeckung und die damit einhergehenden Bergungsrechte mussten mehr wert sein als alles, was er je geborgen hatte.
Sein Herz hüpfte vor Freude. Das war der Jackpot, auf den alle Schrottsammler hofften. Die meisten vergeblich. Aber sein Leben würde mit dem heutigen Tag eine positive Wendung nehmen.
Vorsichtig, darauf bedacht, den förmlich glühenden Antrieb nicht auf den letzten Metern zu überlasten, brachte Akif die Hanabira näher an die Koukishin. Am Heck des Hauptmoduls befand sich eine Andockmöglichkeit. Quälend langsam glitt er, den an der Unterseite seiner Barke ausgefahrenen Andockstutzen voraus, darauf zu. Es war Jahre her, seit er zuletzt ein manuelles Andockmanöver durchgeführt hatte. Akifs Hände zitterten. Schweiß stand ihm auf der Stirn und rann in Bächen über sein Gesicht. Wenn er jetzt einen Fehler machte, war alles vorbei. Eine zweite Chance würde er nicht bekommen.
Seine Blicke rasten zwischen den Monitoren hin und her. Sowohl die Kamerabilder als auch die Sensordaten waren vielversprechend. Er würde es schaffen.
Mit einem sanften Ruck setzte der Andockstutzen auf der Hülle auf. Die Magnetverbindungen rasteten ein und Akif fühlte, wie die Hanabira zur Ruhe kam. Hastig schaltete er die Triebwerke ab.
Aufgeregt wie ein kleines Kind, das auf den Weihnachtsmann wartete, öffnete er die Sicherheitsgurte des Sitzes. Getrieben von der Euphorie seiner Entdeckung glitt er in der Schwerelosigkeit zum hinteren Teil der Kabine, wo ein kurzer Schacht ihn zur unteren Ebene brachte.
Nur zwei Schleusen, eine davon in der Hanabira, trennten ihn noch von seinem Ziel. Durch den zwei Tage zuvor erfolgten Verlust der gesamten Atemluft seiner Barke gewann er Zeit. Er musste nicht auf den Druckausgleich warten. Die Außenschleuse glitt binnen weniger Sekunden zur Seite und machte den Weg frei. Vor Akif lag der transparente Folientunnel, an dessen unterem Ende der Andockstutzen eine feste Verbindung mit der Kouksihin eingegangen war. Im Licht der zwei Scheinwerfer an der Außenhülle der Hanabira sah er die Zugangsschleuse zur Koukishin.
Seine Magnetstiefel verankerten ihn sicher über der Schleuse, sodass er sich in Ruhe daran machen konnte, die mechanische Notfallverriegelung zu öffnen. Das Werkzeug dazu führte er als Bergungspilot mit sich. Sonst hätte er sich mit Gewalt Zutritt verschaffen müssen. Wenn ihm das bei diesem Koloss überhaupt gelungen wäre.
Drei Minuten später hatte er die Verriegelungsbolzen geöffnet. Trotz der Schwerelosigkeit musste Akif alle verfügbare Kraft aufwenden, um die vermutlich tonnenschwere Luke zu öffnen. Keuchend stemmte er sich mit den Beinen gegen die Wand des Andockstutzens, um mehr Hebelwirkung aufbringen zu können. Im selben Augenblick, in dem seine Anstrengungen endlich von Erfolg gekrönt waren, fühlte er eine Erschütterung, die durch Mark und Bein ging. Seine Zähne schlugen schmerzhaft aneinander, da realisierte er, dass der Stoß nicht von der Kouksihin ausging.
Erschrocken blickte Akif nach oben und erkannte den folgenschweren Fehler, den er begangen hatte. In seinem Überschwang hatte er es unterlassen, die Brennstoffzufuhr der Hanabira abzuschalten.
»Scheiße!«, schrie Akif in die Stille.
Die hochentzündliche Schubmasse wurde weiterhin in das erhitzte Antriebssystem gepumpt. Jedoch ohne dort korrekt verbrannt und ausgestoßen zu werden. Akif wusste, was das bedeutete und erkannte im selben Moment, dass er nichts mehr tun konnte. Für die Hanabira, deren Schutzmechanismen schon lange nur mehr eingeschränkt funktionierten, würde das fatal enden.
Er stieß sich mit aller Kraft ab. Weg von der Hanabira, hinein in den Zugangsschacht des havarierten Schiffes. Dort lag seine einzige Hoffnung, die durch seinen Fehler ausgelöste Katastrophe zu überleben. Ein Blick zurück zeigte Akif ein gefährliches Glühen. Bevor er völlig darauf fokussieren konnte, platzte die Seite der Hanabira auf und spie einen Strahl aus glühendem Plasma ins All. Ein Teil der hocherhitzten Antriebsmasse hatte sich einen anderen Weg gesucht, um aus dem überlasteten System auszutreten.
Wie hatte er so nachlässig sein können? Ein Feuerball, ausgehend vom Inneren seiner Barke, wälzte sich auf die Außenschleuse zu.
Ihm blieben nur Sekundenbruchteile, um eine Entscheidung zu treffen. Ohne zu überlegen, trat er den einzigen verfügbaren Ausweg an. Akif glitt vom Zugangsschacht in die Schleusenkammer der Koukishin. In derselben Bewegung zerrte er die schwere Luke mit sich. Das unterarmdicke Metallschott schloss sich quälend langsam.
Akif spürte bereits die Hitze der anrollenden Feuerwand, da glitt die Schleuse endlich zu. Eine gewaltige Erschütterung traf die Koukishin. Die Wucht schleuderte ihn nach hinten, bis sein unkontrolliertes Trudeln an einer harten Wand ihr Ende fand. Akif fühlte die Stöße, noch bevor die Wand am Rand der Schleuse aufbrach.
Die Hanabira musste explodiert sein und die Kraft der Detonation fraß eine klaffende Wunde in die Hülle der Koukishin. Reste des Feuerballes drangen ins Innere ein, verpufften aber in dem geräumigen Bereich, den Akif jetzt zum ersten Mal bewusst wahrnahm: ein Lagerraum, voll mit Kisten und Ausrüstungsgegenständen, die lange, dunkle Schatten warfen.
Langsam ebbten die Stöße ab. Die Koukishin kam wieder zur Ruhe.
»Wow«, keuchte Akif. »Der Kahn ist ganz schön robust. Wer hätte gedacht, dass er das so glimpflich übersteht.«
Akif wusste, dass er damit auch falschliegen konnte. Aber der gerade einmal drei Meter lange und einen halben Meter breite Riss, der sich in der Hülle gebildet hatte, ließ ihn darauf schließen, dass die Koukishin für weit schlimmere Belastungen gebaut worden war.
Mit einem Handgriff aktivierte er den Scheinwerfer an der rechten Schulter seines Anzuges. Schnell fand er die nächste Schleuse, die aus dem Raum hinausführte. Auch diese würde er manuell öffnen müssen. Zum Glück hatte er die Geistesgegenwart besessen, sein ganzes Werkzeugpack aus der Hanabira mitzunehmen.
»Ich werde mir wohl eine Rettungskapsel suchen müssen, um von hier wieder wegzukommen«, sagte Akif zu sich selbst, bevor er sich auf den Weg machte.
Die Hanabira war verloren. Das änderte nichts daran, dass er die Koukishin gefunden hatte. Das Bergerecht gehörte ihm. Jetzt musste er nur einen Weg hinausfinden. Alles sah danach aus, dass der achte Oktober 2192, sein Geburtstag, doch noch zu einem guten Tag werden würde.

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