„MarChip und die Klammer der Angst“ von Esther Grünig-Schöni

Der dritte Fall der MarChip-Reihe

Angst kann sich wie eine einengende Klammer auswirken. Sie nimmt den Atem und die Kraft. Es ist so, als wäre der Mensch gefesselt und bewegungsunfähig.

In diesem 3. Fall geht es für Marie und Chip über Grenzen hinaus und dabei fängt alles harmlos an. In einem simplen Baumarkt. Dort begegnet ihm Emily. Was daraus mit der Zeit entsteht, ist ein Albtraum für alle Beteiligten. Dieser neue Fall hinterlässt Wunden und Narben der besonderen Art. Es braucht mehr Kraft und Durchhaltewillen, als jeder Fall zuvor. Die Angst regiert. Kann sie bezwungen werden?

In einer warmen, sonnigen und angenehmen Umgebung in La Seyne bei Toulon, in Südfrankreich, kann es auf einmal eiskalt und sehr unangenehm werden.

Bemerkung:
Es geht in diesem Roman der Detektiv-Serie MarChip um Angst. Angst kann sich in vielen Formen manifestieren und kann so stark werden, dass sie Menschen einschränkt. Sie kann zur Krankheit werden. Und noch immer, auch heute noch, wird sie von der Umwelt oft als Bagatelle abgetan. Etwas das angeblich simuliert wird und mit ein bisschen Willenskraft gemeistert werden kann. Es braucht jedoch mehr. Es braucht viel, dass ein Mensch mit Angststörungen einigermaßen gut leben und vielleicht eines Tages wieder herausfinden kann.
Natürlich soll der Roman in seiner Art unterhalten. Es ist mir aber wichtig, auch Themen dabei aufzugreifen, die berühren oder zum Nachdenken anregen.

Esther Grünig-Schöni | Kindle | Tolino

Und so hatte alles begonnen …
Chip stand im Baumarkt. Das heißt, es war die Bauabteilung eines großen Kaufhauses. Er wanderte durch die Regalschluchten, suchte, sah sich seine Liste immer wieder an und strich ab, was er bereits in den Wagen gelegt hatte. Manches lag unten auf dem Rolli, weil es zu sperrig war. Die Bretter zum Beispiel, die waren zu lang. Er wollte nichts vergessen. Auch keinen Nagel. Er grinste. Ein Kumpel hatte ihm einen kleinen Lieferwagen geliehen. Abends wollte er diesen wiederhaben. So konnte er alles ohne Probleme transportieren. Ein Mainstream-Titel dudelte aus den Lautsprechern, der bestimmt die Kauflust steigern sollte. Dazwischen gab es Ansagen, Durchsagen, die neusten Angebots-Anpreisungen. Aktionen, die von der Kundschaft unbedingt beachtet werden mussten. Einmalige Sparangebote und Dinge, die jeder unbedingt erwerben sollte.
Bis zum Abend musste er auf jeden Fall alles erledigt, ausgeladen und gemanagt haben. Das war ohne Probleme zu schaffen. Schließlich verfügte er über die nötige Energie. Er war zufrieden mit sich.
Einiges von dem Material war für den Umbau des Nebengebäudes bestimmt: die Bretter, Leisten, Laminat, Farbe, Kleinmaterial, Verputz und mehr. Sie waren daran, so etwas wie Pensionszimmer und eine kleine Wohnung zu gestalten. Gîtes. Praktisch, wenn sie Kunden, Freunde oder Hilfesuchende für eine Weile beherbergen wollten. Sie hatten festgestellt, dass es ein Bedürfnis gab und es sehr nützlich sein konnte. Natürlich gab es Zimmer genug in der Villa selbst. Doch etwas Absonderung war manchmal nicht das Schlechteste. Alle, die es mit ihnen zu tun bekamen, wollten sie nicht privat unterbringen und einige von ihnen waren bestimmt selbst lieber etwas für sich. Und wer wusste schon, wozu solche Zimmer und die Wohnung sonst noch gut sein konnten.
Marthe störte sich zwar nicht an den Gästen, aber ihm selbst war es wichtig geworden, dass sie ihre Privatsphäre behielten. Es gab bei ihm Zeiten, in denen er genug hatte, sich zurückziehen, Atem holen oder Dampf ablassen musste. Mit jedem Fall, den sie bearbeiteten, schien sich dieses Bedürfnis zu verstärken. Oh Schreck! Was bedeutete das? Wurde er alt? Er schmunzelte bei dem Gedanken. Wohl eher nicht. Aber jeder Fall hinterließ seine Spuren und manchmal waren die Geschichten ziemlich krass gewesen.
Die Materialliste war sorgfältig zusammengestellt. Marie hatte einige Wünsche dazu geschrieben. Er versuchte gerade einer dieser Zeilen zu entziffern und dachte daran, wie sie einander nachgerannt waren, als er ihre Schrift kopfschüttelnd bemängelt hatte. „Marie! Du musst lernen, leserlicher zu schreiben.“
„Oder du das Lesen.“
„Na dann schau mal. Hier. Das ist die reinste Mediziner-Handschrift. Was heißt das denn? Ich entziffere ‚Malusdirsel‘ … So wird das nichts. Das ist schluderig hin gekritzelt Madame.“
„Zeig her. Ich stoße dich gerne mit der Nase darauf. Wo bleibt deine Fantasie?“
„Ja die braucht man dazu. Aber wenn ich dann mit meiner Fantasie etwas Falsches liefere, kriege ich aufs Dach.“
„Angst?“
„Vor dir kleiner Furie bestimmt ja. Was heißt das nun? Das ist echt nicht zu entziffern. Und wenn ich rate, ist es bestimmt falsch. Außerdem schweift meine Fantasie gerade in andere Gebiete.“
„In welche denn?“
Er grinste herausfordernd und ließ seine Augen vergnügt blitzen. „Rate mal.“
„Ratespiele oder Entziffern? Entscheide dich.“
Sie packte ihn im Haar, als sie bei ihm war und zog ihn näher an sich heran. „Motzbruder!“
„Wie? Das heißt Motzbruder? Wo kriege ich das in dem Kaufhaus? Aua! Nicht! … Grobes Weibchen. Lass meinen Hintern in Ruhe.“
„Ich mag den aber.“
„Aber doch nicht hauen.“
„Was denn? Bei dir muss man energisch sein. Was soll ich deiner Meinung nach damit anstellen?“
„Was wohl! Verwöhnen.“
Er grinste breit, als er sich an die Folgen dieses neckischen Disputes erinnerte. Oh ja, er spürte sie, ihre… Nein! Nichts da. Er durfte jetzt hier nicht zu sehr in die Erinnerungen eintauchen. Konzentration! Allerdings machte ihm diese Zeile Mühe. „Oh, deine Schrift kleine Marie … Arg.“ Was hatte sie gesagt, was es hieß? Ach ja, jetzt wusste er es wieder. „Malerpinsel“
Er lachte laut und machte einem, der kopfschüttelnd an ihm vorbei latschte frech eine lange Nase. Wenn der wüsste, warum er gerade so vergnügt war. Er lachte wieder. Der drehte sich um und musterte ihn ärgerlich, überlegte sich bestimmt, ob er etwas gegen ihn unternehmen sollte. Warum? Chip suchte nach einem Schild „Lachen verboten“ und wurde natürlich nicht fündig. Ihn focht das nicht an. Im Gegenteil, er wiederholte die lange Nase. Wenn der meinte, sich über alles und jeden ärgern zu müssen, war das dessen Problem. Er dachte viel lieber wieder an Marie. Sie waren beide schon etwas verrückt. Er konnte sich auf jeden Fall keine andere Frau an seiner Seite vorstellen, die es mit ihm ausgehalten hätte.
„Was soll das werden?“
Der Mann stand auf einmal unvermittelt vor ihm. Er war nicht klein, nein, eher sehr groß, hatte dunkle Stoppelhaare und hochgezogene Augenbrauen. Chip grinste. „Och nichts. Mir war danach.“
„Unverschämt oder?“
„Ja, ein bisschen.“
„Weiter haben Sie dazu nichts zu sagen?“
„Nein.“
Er wandte sich grinsend ab, ging ein paar Schritte und dachte dabei nach. Nicht über den Kerl. Über Marie. Es gingen ihm da so einige Gedanken durch seinen Wirrkopf. War es nicht vielleicht Zeit, sie offiziell zu fragen, ob sie den Rest des Lebens mit ihm verbringen wollte? Seit wann war er so einer? Seltsame Überlegungen … Er wurde angestoßen. „Aber ich habe noch etwas dazu zu sagen. Ihnen sollte jemand Manieren beibringen.“
„Also, mein Herr, ich habe anderes zu tun, als Ihnen zu lauschen oder Ihre Ansichten mit Ihnen zu erörtern. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Nehmen Sie solche Dinge lockerer, dann geht es Ihnen besser.“
Er schob seinen Rolli um die nächste Regalecke. Er musste jetzt über das nachdenken, was ihm in den Kopf geraten war. Das war wichtiger als ein Gerede über fehlende oder notwendige Manieren. Dass er die nur hatte, wenn er es wollte, wusste er schon lange. Und ändern daran würde er gar nichts. Dass er manchmal zu frech war auch. Manchmal fing er sich dadurch eine ein. Na und? Es gab Wesentlicheres. Er blieb wie er war. Wem das nicht passte, sollte Bogen um ihn machen. Zu akzeptieren hatten es andere auf jeden Fall. Er passte sich nicht an. Und wenn sie motzten, er solle erwachsen werden, zuckte er die Schultern. Sollten die machen, was sie Lust hatten. Das war sowieso wieder eines dieser Allerweltsworte.
Wie kam er auf solche Gedanken wie eben? Sie mussten nicht heiraten, um zusammen zu gehören. Das war bei ihnen noch nie ein Thema gewesen. Und wenn sie es sich wünschte? Sie hatte nie etwas in der Richtung angedeutet. Mit Andeutungen konnten Männer generell nicht viel anfangen. Bei ihm war es besser, gerade heraus zu sagen, was Sache war. Sie hatte nicht – er erinnerte sich an nichts derart – und sie wusste schließlich mit ihm um zu gehen. Er verstand seine merkwürdigen Gedankengänge nicht. Was war mit ihm los? Wünschte er es sich? Er schüttelte den Kopf.
„Ich will dich nie verlieren Marie!“
‚Nie mehr‘ waren kräftige Worte. Es gab keine Garantien. Die Gedanken in ihm waren wohl wieder aus Unsicherheiten in ihm entstanden – geboren. Er wunderte sich. Was hatten sie nicht schon alles erlebt, seit sie sich begegnet waren. Wenn er einer Frau vertraute, dann Marie. Wenn er es sich mit jemandem vorstellen konnte, dann mit ihr. Seit er in der Detektei arbeitete, begegnete ihm mehr als zuvor: Schicksale, Gefahren, Geheimnisse, Bedrohungen. Auch wenn er unternehmungslustig war und es für ihn ideal war, so zu arbeiten; auch wenn er wild war, viel wagte, Tote um sich herum mochte er nach wie vor nicht. Es war sehr seltsam, wohin seine Gedanken schweiften. Sie waren gerade an nichts Gefährlichem dran. Zu viele Grübeleien. Eindeutig. „Konzentriere dich auf deinen Einkauf Chip“, sagte er sich selbst.
Chip sah auf, um sich erneut zu orientieren, wo er das nächste auf seiner Liste finden konnte. Gut sichtbare Schilder wiesen ihm den Weg durch das Labyrinth der Waren, die immer mal wieder umgeräumt wurden. Wozu? Die Frage konnte er sich gleich selbst beantworten. Es ging darum, dass die Kunden, auf ihrer Suche nach dem, was sie haben wollten, auf anderes stießen, das sie neugierig werden ließen. Das war Strategie.

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