„Grenzland: Der lange Weg nach Jerusalem“ von Detlev W. Crusius

Band 2 der Familiensaga

1940 – Marlene und Hans Kupfer flüchten über die Ostsee nach Schweden. Sie sind Juden und ihr Ziel ist New York. Nach einem U-Boot-Angriff stranden sie auf den Azoren und werden dort zu Zwangsarbeit verpflichtet. Nach Jahren lässt man sie nach New York ausreisen.

Oskar, der Sohn von Marlene und Hans, hat seine große Liebe Lore kennengelernt und ist in Landsberg/Warthe geblieben. Lore ist Arierin und eine Hochzeit ist ihnen nach den Nürnberger Rassengesetze verboten. Als sie den Druck der Nationalsozialisten nicht mehr ertragen, wollen sie Oskars Eltern folgen und flüchten auch nach Schweden, aber der Krieg verhindert ihre Weiterreise.

1947 – In La Rochelle finden sie endlich zueinander. Aber die Welt hat sich verändert und sie fühlen sich nirgendwo zu Hause. Da hören sie, dass im Nahen Osten ein neuer Staat gegründet werden soll. Gemeinsam wollen sie nach Jerusalem gehen.

Detlev W. Crusius | Kindle | Taschenbuch

Kolberg 1940
Der Ball liegt ein Stück weiter im Sand. Laut kreischend renne ich hin und reiße ihn hoch, halte ihn triumphierend über meinen Kopf.
Vati klatscht Beifall.
»Na los, Jungchen, wirf ihn zurück.«
Ich hole weit aus und will ihm den Ball zuwerfen. Er rutscht mir aus den Händen. Ich hebe ihn auf und werfe ihn so hoch und weit, und mir fällt dabei die Mütze von Kopf.
»Gut gemacht«, und er wirft mir den Ball wieder zu.
»Setz die Mütze auf, Oskarchen. Du verbrennst dir das Gesicht«, ruft Mutti. Ich bücke mich, hebe die Mütze auf und ziehe sie mir schief über den Kopf. Meine Mutter sitzt auf einem blau-weiß gestreiften Badetuch. Sie trägt einen gelben Badeanzug, im Haar hinter dem rechten Ohr eine rote Rose aus Papier. Vati hat sie gefaltet. Leise plätschert das Wasser der Ostsee, über uns kreisen schreiend Möwen. Vati rennt zum Wasser, das leise plätschernd im Sand verläuft.
»Los, Jungchen, Sand abspülen«, ruft er.
Wir laufen am Wasser entlang und sammeln Muscheln. Grün, blau und weiß, viele zerbrochen. Die noch heil sind, hebe ich auf und lege sie in meine Mütze, nehme sie mit nach Hause.

Kein Ball. Nur Sand und ein paar Grasbüschel. Ich schüttelte den Kopf, wollte die Erinnerungen loswerden. Über zwanzig Jahre war das her. Links vor uns war eine hohe Sanddüne. Sie verdeckte den Blick auf die offene See und das Geräusch der Brandung klang gedämpft. Auf der Sandkuppe wuchsen karge Sträucher, dazwischen hockte eine Möwe. Protestierend krähte sie, als sie uns sah. Wir gingen weiter, hinter mir meine Mutter, als letzter mein Vater. Wir waren an der hohen Düne vorbei und ich hörte wieder das Meer, das gurgelnd zurückfließende Wasser.
Laut Plan sollten wir nach links zum Wasser auf dem Boden kriechen. Die Späher waren überall. Es war nicht mehr weit, dann hatten wir den Treffpunkt erreicht, wo wir warten sollten, bis die Nacht hereinbrach.
»Machen wir eine Pause, es ist noch zu hell, das Boot ist noch nicht da«, sagte ich.
Ermattet hockten wir uns auf den sandigen Boden. Es war kalt und ein eisiger Wind wehte vom Meer. Wie geschaffen für unser Vorhaben. Mein Vater trug eine dicke Pudelmütze, wie ein großer Junge. Meine Mutter hatte ein gestricktes rot-blaues Tuch um den Kopf gewickelt, unter dem Kinn verknotet. Mit starrem Blick sah sie mich an, und ihre Augen waren feucht, und sie beugte sich vor, und legte die rechte Hand auf meinen Arm, drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter, und ich zog sie an mich.
»Ist doch gut, wir sehen uns bald wieder«, flüsterte ich mühsam. Glaubte es selbst nicht.
Mein Vater starrte vor sich auf den Boden. Er hatte den Rucksack abgenommen, drückte ihn gegen die Brust, stützte sich darauf. Ich blickte zum Himmel, es dämmerte in die Nacht. Den ganzen Tag war es bedeckt gewesen, kein Sonnenstrahl drang durch die dichte Wolkendecke. Kommende Nacht war Neumond, wie bestellt für eine Flucht.
»Wir müssen weiter«, sagte ich und stand auf. »Hinter der nächsten Biegung haben wir auf beiden Seiten keine Deckung, wir müssen uns ducken. Ein paar Meter weiter sind wieder hohe Dünen, da können wir aufrecht gehen.«
Mein Vater stemmte sich mühsam hoch und ich half meiner Mutter auf die Beine. Sie gingen beide auf die sechzig, zu alt für derartige Abenteuer. Geduckt und langsam gingen wir weiter. Ich wieder vorne, dann meine Mutter, dann mein Vater.
»Immer ganz langsam, wie in Zeitlupe, egal, was passiert«, sagte ich leise.
Wir bewegten uns vorsichtig auf die Stelle zu, wo es weder rechts noch links Sanddünen gab. Hinter der Biegung flog laut krächzend ein Schwarm Möwen hoch und meine Mutter stieß einen Schreckensruf aus.
»Sind nur Möwen«, sagte ich, versuchte, ruhig zu wirken. Wir gingen weiter, das offene Meer war nicht weit. Zwischen zwei hohen Dünen blieben wir stehen. Bis zum Ufer waren es keine dreißig Meter. Kein Boot zu sehen, wir waren zu früh.
»Hier warten wir.«
Wir hockten uns hin. Mein Vater nahm den Rucksack ab, knüpfte ihn auf und zog eine Wasserflasche heraus. Er öffnete sie, reichte sie meiner Mutter und sie nahm einen langen Zug. Sie gab mir die Flasche und ich trank, gab sie meinem Vater zurück. Er schob die Flasche wieder in den Rucksack und darauf gestützt sackte er in sich zusammen.
Auf dem Wasser war ein Schatten, kam näher. Das Boot. Wir sollten warten, bis das Boot am Strand lag, ein Mann heraus sprang und uns mit zwei Fingern zuwinkte. Langsam näherte sich der Schatten. Im Boot saßen zwei Männer.
»Los«, sagte ich und stand auf. Meine Eltern standen ebenfalls auf und heftig weinend fiel mir meine Mutter um den Hals.
»Ganz ruhig, Mamatschi. Wenn ihr in New York angekommen seid, schickt ihr mir eine Karte und dann komm ich nach.«
Mit der Anrede Mamatschi wollte ich sie beruhigen. Das Gegenteil geschah. Sie klammerte sich an mich, schüttelte sich von heftigem Weinen. Dann blieb sie mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf neben mir stehen, als wollte sie gleich zusammenbrechen.
»Los jetzt«, sagte ich. »Und denkt dran, eine Ansichtskarte von New York. Kein Text, nur eine Skizze vom Empire State Building. Oder von der Liberty Bell, wenn ihr in Philadelphia gelandet sein solltet. Dann weiß ich, ihr seid es, dann machen wir uns auf den Weg.«
Oft hatten wir das besprochen. Ich wiederholte es. Reine Stimmungsmache.
»Merke dir die Adresse in Stettin. Der Mann wird euch helfen, Kornitzki ist sein Name, Bruno Kornitzki. Er hat auch uns den Weg geebnet.«
»Ich weiß, Vati.«
Von den Fluchtvorbereitungen des Mannes mit Namen Kornitzki hatte er mir so oft erzählt, ich konnte es singen.
»Bestell Lore einen Gruß und sag, wir warten auf sie. Wir haben sie ja nur kurz kennengelernt.«
Ich hörte, wie das Boot knirschend auf den Strand rutschte. Es war sehr niedrig, eine Handbreit Freibord. Ein Mann sprang heraus, stand bis zu den Knien im Wasser. Mit zwei Fingern der rechten Hand winkte er.
Das Zeichen.
»Los, weiter«, sagte ich, jetzt mit normaler Lautstärke. Es kam nicht mehr drauf an. Wenn sie jetzt kamen, dann hatten sie uns, dann saßen wir im Viehwaggon nach Auschwitz.
Wir rannten über den Strand zum Boot. Der Mann sagte: »Drei? Ich hab nur zwei erwartet.«
»Los, ins Boot«, und ich half meiner Mutter hoch.
»Ich komm nicht mit«, sagte ich, hob winkend die Hand und trat zurück.
Er sah mich wütend an. »Verschwinde. Wenn sie dich haben, sind wir dran. Du hältst bestimmt nicht dein Maul.«
Ich ging zurück und setzte mich zwischen die Dünen auf den Boden. Das Boot entfernte sich vom Strand, wurde immer kleiner, und dann sah ich es nicht mehr.
Eine Weile blieb ich zwischen den Dünen hocken, wusste später nicht mehr, wie lange ich regungslos da gesessen hatte. An der Wasserkante sah ich noch die Rinne von dem Bootskiel. Die Wellen plätscherten und bald würde man die Furche nicht mehr sehen. Ich hoffte nur, der Fischkutter wartete draußen auf offener See tatsächlich.
Langsam ging ich zurück ins Dorf, versuchte nicht mehr, leise zu sein. Jetzt war ich kein Fluchthelfer oder Flüchtling, ich war ein Mann, der eine nächtliche Strandwanderung unternommen hatte. Ich erreichte die Straße, die an der Küste entlang führte und bald sah ich die ersten Holzschuppen des Randbezirks von Kolberg. Gegen Mitternacht sollte es eine Zugverbindung nach Landsberg geben. Sofern der Zug trotz der Kriegswirren fahren würde. In Landsberg wartete Lore auf mich und ich sah sie stocksteif in unserer winzigen Bude hocken, sich kaum trauen, nur Luft zu holen, bis ich durch die Tür trat.
Ihretwegen war ich nicht mit meinen Eltern geflüchtet, hatte mich geweigert. Und vier Personen waren zu viel. Heiße Diskussionen hatte es mit meinem Vater gegeben, bis ich ihn endlich überzeugt hatte, dass ich bei Lore bleiben musste.
»Wie kannst du freiwillig im Nazi-Deutschland bleiben. Ich biete dir einen Weg in die Freiheit und du schlägst es aus. Ist das die Frau wert?«
Ich hatte meinen Vater angesehen und leise gesagt: »Vati, erinnere dich doch mal, versuche es. Wie war das damals, als du Mutti kennenlerntest? Was hättest du geantwortet, hätte man dich das gefragt?«
Mein Vater hatte mit starrem Blick auf den Boden geblickt. »Entschuldige, Oskar«, kam dann mühsam beherrscht.
Schließlich akzeptierte mein Vater, ich würde in Deutschland bei Lore bleiben. Auch auf die Gefahr hin, in ein Lager deportiert zu werden, als Jude auf offener Straße erschlagen oder erschossen zu werden.
»Ich komme nach, ich verspreche es und ich werde Lore mitbringen.«
Solche Versprechen waren in jenen Jahren nichts wert. In dunklen Hinterzimmern wurde über den bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion gemunkelt.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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