„Grenzjahre“ von Detlev W. Crusius

1941 – Landsberg a.d. Warthe, eine kleine Stadt in Pommern. Der Zweite Weltkrieg tobt an allen Fronten, aber die Mehrheit der Deutschen glaubt der Propaganda und zweifelt nicht am Endsieg. Die wenigen Fronturlauber und die Soldaten, die verwundet im Lazarett in Landsberg ankommen, erzählen etwas anderes. Als in den folgenden Jahren ein Frontabschnitt nach dem anderen zusammenbricht und ab Mitte 1944 aus Ostpreußen der Strom der Flüchtlinge nach Westen einsetzt, verlässt auch Walthers Familie Pommern. Nach vielen Stationen in Flüchtlingslagern erreichen sie Jahre später Güstrow, und sie glauben, eine neue Heimat gefunden zu haben.

Als der Druck der SED unerträglich wird, beschließen sie, die DDR zu verlassen. Ein Vorhaben, das in die Freiheit führen kann oder in das berüchtigte Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen …

Detlev W. Crusius | Kindle | Taschenbuch

Ich stand am offenen Fenster im Wohnzimmer und blickte in den Vorgarten, freute mich auf ein geruhsames Wochenende. Dienstschluss heute zwei Stunden früher, und den Freitag hatte mir mein Chef freigegeben.
»Mach mal Pause«, hatte er gesagt, »die letzten Tage waren anstrengend.«
Mit Ulla einen Ausflug nach Friedeberg an den Badesee, meine Schwiegereltern besuchen, das wäre doch was.
Auf der Straßenseite gegenüber winkte jemand. Günter – mein Schwager. Er überquerte die Straße und blieb am Gartenzaun stehen.
»Walther«, rief er.
»Komm rein.«
»Komm du an den Zaun.«
Ich ging auf die Veranda und durch den Vorgarten.
»Was ist los?«
Er zog ein amtliches Papier aus der Tasche, hielt es mir hin.
»Meine Einberufung«, sagte er.
Ich zuckte zusammen.
»Ostfront?«
»Transporteinheit. Für mich ändert sich wenig. Ich fahre weiter mit dem Lkw durch die Gegend, bisher durch die Neumark und Mecklenburg, in Zukunft durch Russland. Wenn die Wehrmacht weiter so schnell vorrückt, stehe ich bald in Moskau auf dem Roten Platz. Die entscheidende Schlacht um Moskau stehe kurz bevor, so hört man. Ein neues deutsches Wort gibt es dafür – Blitzkrieg.«
»Hoffentlich funktioniert in Russland, was in Frankreich möglich war. Sonst fällt dein Ausflug auf den Roten Platz aus«, sagte ich.
»Ich bin ja nicht direkt an der Front, muss nur Munition und Verpflegung bringen. Klingt doch gemütlich.«
»Gemütlich – ich weiß nicht. Musst du immer schön den Kopf einziehen.«
»Unsere Soldaten müssen ihn noch tiefer einziehen.«
Der Nachschub war ein beliebtes Ziel für die hinter den deutschen Linien operierenden russischen Partisanen. Aber das wusste Günter.
»Wann musst du weg?«
»Kommenden Montag, morgens um sechs. Sammelpunkt Bahnhof Gleis 1. Erst nach Stettin und dann ab Richtung Osten.«
Seine Augen irrten umher, und er fummelte mit fahrigen Händen an seiner Jacke rum. Er war nicht so gelassen, wie er den Anschein erwecken wollte.

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