„Mensch, Junge“ von Helena Baum

Wie konnte das passieren? Fassungslos sitzt Simon zuerst beim Jugendamt, später beim Therapeuten und hört nur noch: sexueller Übergriff. Simon, ein sexuell übergriffiger Jugendlicher.

Eben war die Welt doch noch in Ordnung. Vor Simon lag ein magischer Sommer, die erste Liebe, die ganze Welt. Doch dann kippte zu Hause die Stimmung und die älteren Geschwister rücken zusammen, um zu retten, was zu retten war. Simon und Pauline wechselten sich ab, den Platz der Eltern einzunehmen, die Babyzwillinge zu versorgen und sich gegenseitig Mut zuzusprechen, dass schon alles wieder gut werden würde. Die Eltern sich nicht trennen würden.

Doch es dauert lange, ehe Simon wieder Licht am Ende des Tunnels sieht. Zunächst muss er das Elternhaus verlassen, sich völlig neu orientieren, eine Therapie beginnen. Eine Therapie, in der er sich mit dem intimsten Thema, das er sich nur vorstellen kann, auseinandersetzen muss – seiner Sexualität.

Ein Roman über die Bruchstellen im Leben und das Ringen um Wahrhaftigkeit.

Autorenseite | Kindle | Taschenbuch

Bevor ich ins Bett ging, machte ich es mir auf dem Fensterbrett bequem, drehte mir einen Joint und setzte die Kopfhörer auf. Ich hatte keine weiteren beunruhigenden Geräusche in der Wohnung gehört. Kein Streiten, Poltern oder Türenknallen. Es blieb ruhig und ich war bereit, die Familie Familie sein zu lassen und in meine eigenen Träume einzutauchen.
Träume hatte ich viele, eigentlich Millionen. Ungeduldig rückte ich die großen Kopfhörer, die bereits seit einem halben Jahr einen Wackelkontakt hatten und immer wieder ausfielen, so zurecht, dass das Rauschen und Knistern erträglich wurde. Fahrig nahm ich einen tiefen Zug vom Joint und war jederzeit bereit, ihn zackig aus dem Fenster zu schmeißen, sollte jemand ins Zimmer kommen. Die rechte Hand ließ ich aus dem Fenster hängen, dass man sie beim Hereinkommen nicht sehen konnte. Niemand wusste, dass ich kiffte. Ich hatte mir sogar Duftkerzen zur Sicherheit besorgt, was Pauline besonders freute. Bei mir rieche es immer so gut, so heimelig. Rauchend schaute ich auf die beleuchtete Skyline mit dem Berliner Fernsehturm, die mir so vertraut war wie der Geruch meiner schlafenden Geschwister nebenan. Das Gewohnte schenkte mir in all dem familiären Durcheinander, in dem meine Familie seit einem Jahr lebte, mehr Trost als Vaters geflüsterte Worte, »dass schon alles wieder werden würde.« Es dauerte zu lang, als dass alles wieder »einfach so werden würde.« Dieses Mal irrte er sich, das wusste ich ziemlich sicher.
»Simson, hast du den Knall gehört?« Plötzlich stand Pauline im Zimmer und gleichzeitig flog der Joint in hohem Bogen aus dem Fenster.
»Menno, Pauli, du sollst anklopfen!« Mit einem Satz sprang ich vom Fenstersims und legte die Kopfhörer behutsam auf dem Schreibtisch ab. Falls ich zu meinem Geburtstag keine neuen bekäme, müssten die noch eine Weile herhalten.
»Hab ich doch«, verteidigte sie sich sofort und zeigte auf die Kopfhörer. »Du hörst ja nichts. Also: hast du? Hast du den Knall gehört?« Pauline war temperamentvoll und unberechenbar wie Mama. Also die Mutter, wie sie normalerweise war. Nicht die, die sich gerade in endloses Schweigen hüllte.
»Nein. Ich habe nichts gehört.« Wir lauschten zusammen auf die Geräusche in der Wohnung. Die Toilettenspülung rauschte. Eine Tür klappte. Jemand hustete. Ganz normale Geräusche. Kein Knall.
Um Pauline zu beruhigen, legte ich den Arm um ihre Schultern und versuchte, sie zurück in ihr Zimmer zu lotsen. »Ich denke, sie gehen jetzt endlich schlafen. Geh auch wieder rüber. Komm schon.«
Sie ließ sich keinen Millimeter bewegen. »Die Kleinen schlafen seelenruhig, aber ich bin durch den Knall wach geworden.« Wie so oft in den letzten Monaten legte sie sich einfach in mein Bett. »Kann ich wieder bei dir schlafen?«
Mich zu fragen und sich dabei hinzulegen, waren ein geschlossenes Ganzes. Jedes Mal wollte ich sie wieder in ihr Zimmer schicken, doch es funktionierte nicht. »Ausnahmsweise«, murmelte ich. Doch wir wussten beide, dass aus dem ausnahmsweise inzwischen längst Alltag geworden war.

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