„Rendezvous mit dem Tod“ von Sabine Buxbaum

Lisa wird vor dem Krankenhaus, in dem sie als Onkologin arbeitet, von einem Rettungswagen erfasst. Sie verliert das Bewusstsein, und als sie erwacht, steht ein in Schwarz gekleideter Mann vor ihr. Er behauptet, der Tod in Menschengestalt zu sein, aber nur Lisa kann ihn sehen. Er will sie nicht mitnehmen, sondern helfen, ihr außer Kontrolle geratenes Leben in Ordnung zu bringen. Das ist Lisa gar nicht recht, taucht der Fremde doch dauernd in Situationen auf, in denen sie ihn nicht dabeihaben möchte.

Aus dem anfänglichen Kampf gegen ihn wächst jedoch zunehmend ihr Vertrauen in den attraktiven Mann, der es schließlich schafft, bis in ihr Herz vorzudringen.

Sabine Buxbaum | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Es passierte sehr schnell. Lisa hatte gerade Mittagspause und wollte in das gegenüberliegende Café, um sich einen Snack zu genehmigen. Sie war wie immer in Eile und warf noch einmal einen Blick zurück auf die Uhr, die oberhalb des Krankenhauseingangs angebracht war. Dieser Blick lenkte sie ab und sie sah das mit Blaulicht herbeieilende Rettungsfahrzeug zu spät.
Dann überkam sie Stille und Dunkelheit, durchbrochen von Bildern, die sie langsam ihr Bewusstsein wiedergewinnen ließen.
Die Bilder waren verwirrend. Sie sah sich zu Boden stürzen, Leute auf sie zulaufen, darunter einen Rettungsfahrer, der kreidebleich im Gesicht war und dem Blut über die Stirn rann. Sie nahm wahr, wie man sie auf eine Trage legte und ihr Sauerstoff verabreichte. Und wie ein junger Arzt, völlig überfordert mit der Situation, ihr mit zittrigen Händen einen venösen Zugang legte. Die Menschen, die sie umgaben, waren ihr unbekannt. In ihren Gesichtern spiegelte sich Neugier, Mitleid und Angst. Dann erkannte sie einige ihrer Arztkollegen, die den Vorfall beobachtet hatten und wie aus dem Nichts plötzlich vor ihr standen, ratlos und geschockt.
Und dann stand plötzlich er vor ihr, mit dem Ausdruck einer Gelassenheit, die sie so nie zuvor bei einem Menschen in einer solchen Situation gesehen hatte. Dieser Mann zeigte keine emotionale Regung, wirkte absolut gleichgültig. Er stand einfach nur da, mit seinem langen, schwarzen Mantel, der leicht geöffnet war und erkennen ließ, dass auch der Pullover und die Hose darunter schwarz waren, genau wie sein Haar und seine Augen. Er war ihr so nahe, dass Lisa sich wunderte, dass ihn niemand aufforderte, die Unfallstelle zu verlassen. Andere Schaulustige wurden vertrieben. Aber ihn schien niemand der Anwesenden wahrzunehmen. Sein Blick fesselte sie, zog sie magisch an. Seine Nähe verunsicherte sie, lenkte sie aber von ihrer Situation ab. Wer war dieser Fremde und was wollte er hier? Warum war er an einem sonnigen und warmen Tag so seltsam gekleidet? Mit diesen Fragen versank sie wieder in der Dunkelheit und verlor das Bewusstsein.

Kapitel 2
Als Lisa aufwachte, vernahm sie bekannte Geräusche, die sie aus ihrem Arbeitsalltag kannte. Seit drei Jahren arbeitete sie nun als Onkologin in München und führte eine eigene Station als leitende Oberärztin. Ab und zu sprang sie auch für Notarztdienste ein. Sie vernahm den Alarm von Beatmungsgeräten, die einen Sauerstoffabfall anzeigten, oder das Piepsen eines Pulsmessgerätes, das eine Veränderung der Herzfrequenz meldete. Ihr wurde bewusst, dass sie sich auf der Intensivstation befand. Dieser Umstand verwirrte sie, aber dann kam die Erinnerung an ihren Unfall wieder.
Lisa war in einem Raum hinter Glasscheiben isoliert untergebracht, aber sie konnte alles beobachten, was um sie herum geschah. Eine Krankenschwester kam herbeigeeilt und schlug die Hände vor sich zusammen. Die Erleichterung in ihrem Gesicht war deutlich zu erkennen.
„Frau Dr. Sailer ist aufgewacht!“, rief sie aufgeregt.
Es gesellte sich darauf ein Arzt dazu. Lisa erkannte ihn, sie hatte schon mehrmals beruflich mit ihm zu tun gehabt.
„Lisa!“, rief ihr Kollege Dr. Josef Sprenger. „Wie geht es dir? Weißt du, wo du bist?“
Sie nickte, fühlte sich in der Rolle als Patientin aber zugleich äußerst unwohl. Lisa versuchte zu realisieren, dass sie in einem Krankenbett lag.
„Kannst du dich erinnern, was passiert ist?“, bohrte Josef nach. Sein besorgter Blick entging ihr nicht.
„Ich glaube, der Rettungswagen hatte es sehr eilig“, antwortete Lisa ein wenig sarkastisch.
„Ja, allerdings“, meinte ihr Kollege.
Lisa versuchte sich aufzurichten, doch ein schneidender Schmerz in ihrem Brustkorb ließ sie innehalten. Ihr war gleich klar, dass sie sich vermutlich die Rippen gebrochen hatte. Nach ihrer langjährigen Berufserfahrung brauchte sie dafür kein Röntgenbild. Es beruhigte sie, dass sie ihre Arme und Beine bewegen konnte.
Josef bestätigte ihre Verdachtsdiagnose. „Außerdem hast du dir eine schwere Kopfverletzung zugezogen“, fügte er betroffen hinzu.
Na, so schwer kann sie nicht sein, dachte Lisa, sonst wäre ich wohl nicht schon wieder bei Bewusstsein.
„Du brauchst jetzt viel Ruhe“, meinte Josef fürsorglich. Lisa fühlte sich auch sehr erschöpft und müde.
Als ihr Kollege und die Krankenschwester sie wieder verließen, bemerkte Lisa, dass noch jemand im Raum war. Er trat näher an sie heran, bis er unmittelbar vor ihr stand. Es war der Mann von vorhin. Der schwarze Mantel, die schwarzen Schuhe und die schwarzen Augen erkannte sie sofort wieder. Obwohl er nicht böse wirkte oder gefährlich, begann Lisa sich plötzlich zu fürchten, denn sie wusste nicht, wer der Fremde war, der ihre Intimsphäre bedrohte. Was hatte er auf der Intensivstation verloren? Sie schloss kurz ihre Augen und öffnete sie wieder in der Hoffnung, der Mann würde dann fort sein, doch er war noch da und stand so nah vor ihr, dass sie ihn hätte berühren können.
„Wer sind Sie?“, fragte sie mit schwacher Stimme, denn der Schmerz ließ sie nicht richtig durchatmen.
„Erkennst du mich nicht?“, fragte der Fremde.
Lisa schüttelte den Kopf. Sie hatte den Kerl vor ihrem Unfall definitiv noch nie gesehen.
„Ich bin der Tod“, kam plötzlich von ihm mit ruhiger Stimme, aber Lisa durchfuhr es, als ob man ihr gerade ein Messer ins Herz gerammt hätte.

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