„§64 – Maßregelvollzug“ von Chris Crumb

Ein schwerer Schicksalsschlag zerstört nicht nur alle Pläne. Er gefährdet Existenzen, Familien und vor allem die Freiheit. Ab da beginnt ein emotionaler und verhängnisvoller Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Doch besteht überhaupt eine Chance?

Wenige Augenblicke zuvor…

Es fühlt sich gut an. Ich bin endlich angekommen und habe alles was mich glücklich macht. Es sind nicht die materiellen Dinge oder übertriebene Statussymbole. Nein, es ist eine eigene kleine heile und liebevolle Welt, in mühevoller Kleinarbeit erschaffen und optimiert. Eine neue Liebe mit einer begehrenswerten Frau, eine zweite Familie, ein vielversprechender Job, der meinen Wünschen entspricht. Endlich eine stabile Verbindung zur bürgerlichen Welt. Es mag wie ein Spießerleben klingen, doch es erfüllt mich. Ich bin dankbar, zufrieden und glücklich – endlich.

Chris Crumb | Kindle | Taschenbuch

Es muss – es muss einfach einen anderen Ausweg geben. Es klingelt an der Tür, nur ganz dumpf. Vielleicht sollte ich mal eine neue Batterie einsetzen. Es klingelt nochmal. Ich bleibe sitzen. Meine Beine sind zu schwer und die Treppe zu steil. Irgendjemand öffnet die Tür. Warum – oh man lasst mich doch einfach alle in Ruhe, geht das? Wer will da zu mir, ich höre das Treppensteigen genau. Die Tür geht auf wie in Zeitlupe und gleichzeitig so ruckartig, dass mir schwindlig wird. Ha wie lustig, die Gestalt ist umhüllt von einem Schleier oder einer Wolke und doch scheint sie zu schreien. Ich mag es nicht angeschrien zu werden, man kann doch vernünftig mit mir sprechen. Ich verstehe kein Wort, der Klang kommt einfach nicht bei mir an. Wer zur Hölle ist das? Irgendwie witzig, wenn visuelle und auditive Wahrnehmung voneinander abweichen. Es ist als würde mir mein Gehirn einen Streich spielen wollen. Ja Streiche, die kenne ich ja jetzt schon zur Genüge. Ich kann nicht anders und lache lauthals los. Meine Stimme klingt als wäre sie Kilometer entfernt, also lieber grinsen. Das muss ziemlich dämlich aussehen, es fühlt sich zumindest so an. Also lieber wieder ernst schauen. Mein Gesicht macht auch einfach nicht mehr das, was es soll. Ah da, endlich kann ich mein Gegenüber verstehen, zumindest bruchstückhaft „Bleib…!“ Wo soll ich bleiben? Ja genau, hier will ich bleiben. Auf die Idee wäre ich niemals gekommen – das war auch mein ursprünglicher Plan. Meine Güte! Wieder jemand, der versucht mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Demonstrativ drehe ich mich mit dem Rücken zum Raum und starre die Wand an. Seit wann sind denn da Striche an der Wand? Und auch noch in verschiedenen Farben…. Ja bleiben, das wäre was. Einfach wie gewohnt weiter machen. Genauso, wie bisher, bleiben – da, wo ich jetzt bin. Einfach nicht wegbewegen – sollen sie doch kommen und mich holen. Die Tür wird zugeschmissen. Eine Art Druckwelle erreicht meinen Körper und mir wird das Herz schwer. Nun beschleicht mich eine Ahnung, wer das gewesen sein könnte – die wundervollste Frau, die ich je kennenlernen durfte. Wie sehr ich ihr Lächeln vermisse. Und erst den herzlichen Familientrubel, wenn ich abends nach Hause kam. Aber das bringt ja jetzt alles nichts. Ich habe keine Lust mehr die letzten Stunden in Erinnerungen zu schwelgen. Mein Entschluss ist gefasst – es ist und bleibt der einzig mögliche Ausweg, so sehr man es auch dreht und wendet. Es muss einfach der richtige Weg sein!

Ich wache schweißgebadet auf. Wieder dieser wirre Traum, der mich seit Wochen begleitet. Jede Nacht verfolgt er mich – ich will bleiben!

Blick ins Buch (Leseprobe)

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