„Die Macht der Schlüssel“ von Sabine Buxbaum

Ellen gerät ins Visier von erbarmungslosen Kidnappern. Sie soll sich in den Blue Ridge Mountains verstecken, doch dort angekommen, begreift sie schnell, dass es um mehr als Entführung geht.

Kane soll Ellen beschützen, doch sie gleichzeitig ihrem grausamen Schicksal zuführen, von dem sie nichts ahnt. Nur ihr Tod verhindert die Apokalypse. Als Kane und Ellen sich jedoch ineinander verlieben, droht nicht nur den beiden unsagbares Unheil, sondern der gesamten Menschheit.

Licht und Schatten ringen um die Vorherrschaft. Kann Ellen das Tor zur Schattenwelt rechtzeitig verschließen, um sie alle zu retten?

Sabine Buxbaum | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Ellen nahm ein Sandwich aus ihrer Schreibtischschublade im Büro, als es an der Tür klopfte. Unaufgefordert betrat ihr Vater den Raum. Sein Blick war ernst, aber die junge Frau hatte ihn selten lächelnd erlebt. Ihr Vater zeigte wenig herzliche Emotionen und wirkte stets kühl und distanziert. Auch wenn sie den Grund dafür nicht verstand, hatte sie sich mittlerweile daran gewöhnt. Sie arbeitete mit wenig Begeisterung für ihn, doch die Umstände ließen ihr keine andere Wahl.
Ellen legte das Sandwich zur Seite und wartete, bis ihr Vater sich setzte.
„Konntest du die Investoren alle erreichen?“, fragte er. Da er ihr diese Frage auch telefonisch hätte stellen können, nahm Ellen an, dass er ein anderes Anliegen mitbrachte.
Sie nickte. „Ja, sie werden alle zum Treffen kommen.“
Lance war ein erfolgreicher Geschäftsmann und Milliardär. Er investierte in die unterschiedlichsten Unternehmen, baute sie auf und verkaufte sie gewinnträchtig. Ellen arbeitete seit dem Collegeabschluss in seiner Firma. Er hatte ihr keine Alternative gelassen.
Das Unternehmen glich einer Festung. Die Fenster der unteren Stockwerke waren vergittert und das Gebäude wurde umgeben von einer Mauer, die man sonst nur bei Hochsicherheitsgefängnissen fand. Security Personal überwachte das gesamte Areal. Ellen hatte sich schon längst an ihre persönlichen Bodyguards gewöhnt, die sie rund um die Uhr beschatteten.
Das war nicht immer so gewesen, aber nach dem Tod ihrer Schwester Prue hatte sich ihr Leben grundlegend geändert. Prue war gekidnappt und ermordet worden, nachdem die Lösegeldforderungen an ihren Vater gescheitert waren. Ellen hatte daraufhin die Schule verlassen müssen und war zu Hause durch Privatlehrer unterrichtet worden.
Auf dem College war sie später in einem streng bewachten Internat untergebracht worden. Sie hatte nur wenige Freunde gehabt. Ihr Bewegungsradius wurde eingeschränkt und sie selbst Tag und Nacht unter Beobachtung gestellt.
Anfangs hatte Ellen diese Freiheitsbeschränkungen akzeptiert, aus Angst, ihr könnte dasselbe Schicksal blühen wie ihrer Schwester. Aber je mehr Jahre ohne Zwischenfälle vergingen und je älter die junge Frau wurde, desto weniger kam sie mit der Situation zurecht. Sie wollte frei sein, aber Lance hatte alle ihre Versuche, an ihrem Leben etwas zu verändern, vereitelt. Am Ende hatte sie dem Druck nachgegeben und hatte in seiner Firma zu arbeiten begonnen. Dort konnte er sie überwachen. Ellen hasste diese Kontrolle mittlerweile immer mehr. Sie musste einen Weg finden, um sich aus dieser Zwangslage zu befreien.
„Und die Sicherheitskräfte wissen Bescheid und sind aufgestockt worden?“, bohrte Ellens Vater nach.
„Natürlich“, bestätigte sie. Es gab viele Milliardäre wie Lance, aber keiner ließ sich so außerordentlich beschützen wie er.
„Das ist gut. Wir können den Schutz brauchen. Kommen wir nun zur Sache. Ellen, dir wird nicht gefallen, was ich dir jetzt zu sagen habe“, warnte er.
Ellen lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme vor dem Körper. Sie hatte schon eine Ahnung, worum es ging. Sie feierte in einigen Wochen Geburtstag und hatte ein paar der wenigen Freunde, die sie besaß, in das Landhaus der Familie außerhalb von New York zu einer Party eingeladen. Ihr Vater hatte die Feier widerwillig genehmigt, denn er traute ihren Freunden nicht, die sie im College kennengelernt hatte. Er traute eigentlich niemanden. Vermutlich würde er eine Ausrede finden, um dieses Treffen zu unterbinden.
Ellen beschloss, dieses Mal nicht klein beizugeben. Das hatte sie schon viel zu oft getan. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt und lebte, als sei sie ein Kind, das immer noch unter der Obhut ihrer Familie stand. Wobei ihre Familie eigentlich nur noch aus ihrem Vater bestand; ihre Mutter Isabella war vor zwei Jahren an Krebs gestorben.
„Es gab wieder Drohungen“, fuhr ihr Vater fort.
„Welche Drohungen?“, fragte Ellen ungeduldig.
„Dass man dich kidnappen möchte.“
Ellen erschrak nicht mehr, wenn ihr das gesagt wurde. Sie hörte es nämlich ständig. Seit sie denken konnte, sah sie sich mit dieser Drohung konfrontiert.
„Dad“, erwiderte Ellen. „Das sind doch leere Floskeln. Ein Kidnapper droht doch nicht vorher, er handelt einfach. Was hat ein Entführer denn davon, seine Tat anzukündigen? Es folgt doch nur eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen. Damit tut er sich keinen Gefallen.“
„Die Drohungen kommen nicht vom Kidnapper, sondern vom Geheimdienst. Sie konnten Nachrichten abfangen, die deine geplante Entführung andeuten.“
Ellen zweifelte an den Worten ihres Vaters. Sie hielt es für unwahrscheinlich, dass der Geheimdienst ihm solche Informationen zukommen ließ. Lance war ein wichtiger Mann, aber so wichtig nun auch wieder nicht.
„Du wirst das Treffen mit deinen Freunden absagen müssen“, kam es wie erwartet aus seinem Mund.
Ellen schüttelte den Kopf. „Nein!“, protestierte sie. „Ich habe es satt, mich immer verstecken zu müssen. Unser Haus am Land ist genauso eine Festung wie dieses Gebäude. Was soll dort schon passieren? Du kannst mir nicht dauernd verwehren, meine Freunde zu treffen. Ich habe ohnehin nur wenige. Hast du dir eventuell schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass ich auch mal heiraten und Kinder kriegen möchte? Wie soll ich einen Mann kennenlernen, wenn ich nicht ausgehen darf?“
Ellens Vater hatte schon öfter versucht, sie Männern vorzustellen, die er ausgesucht und für loyal gehalten hatte. Sie hatte jedoch keinen von ihnen leiden können. Zu mehr als flüchtigen Affären hatten die Männer nichts getaugt. Sie hatten meist nur das Geld, das Ellen in die Beziehung einbringen würde, gesehen.
„Ellen, du weißt doch, was sie deiner Schwester angetan haben. Willst du, dass dir das Gleiche passiert?“
Ellen wurde erzählt, dass ihre Schwester bestialisch hingerichtet worden war. Es waren grauenvolle Details gewesen, die Ellen schwer glauben konnte. Sie hatte hinter den Schilderungen viel mehr eine Art Abschreckung vermutet, um sie leichter im Schach zu halten. Lange Zeit hatte das auch funktioniert.
Schnaubend lehnte sich Ellen zurück. „Aber es kann nicht mein ganzes Leben so weitergehen! Ich will nicht in einem Gefängnis leben. Ich möchte selbst bestimmen, ob ich ein Risiko eingehe oder nicht.“
Ellens Vater streckte ihr seine Arme entgegen, um ihre Hände zu ergreifen. Diese Geste war für Ellen befremdlich. Sie reichte sie ihm widerwillig.

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