„Strandläuferzeit (Die Windsbräute 2)“ von Nora Gold

Sylt. Es ist ein perfekter Sommerabend. Eine junge Frau starrt ausdruckslos auf die Nordsee. Sie bemerkt nicht einmal, dass die heranrollende Flut ihr Brautkleid bereits bis zu den Knöcheln durchnässt hat.

Inken Jasters Leben könnte eigentlich nicht besser sein. Ihr mobiler Pflegedienst läuft gut und die Arbeit mit den Patienten erfüllt sie. Auch in der Liebe hat sie Glück, in einem Monat wird die allein erziehende Mutter Hauke Findeisen, Sylter Chefarzt mit eigener Klinik, heiraten. Wären da nur nicht die Geister der Vergangenheit, die alles daran setzen, dieses Glück gründlich zu erschüttern.

Auch bei den Windsbräuten in Berlin kündigen sich Turbulenzen an: Die Nachfrage nach Neles Mode ist dank Mathildes Werbeaktionen so groß, dass die junge Designerin kaum noch mit der Arbeit hinterher kommt und regelmäßig Nachtschichten einlegen muss. Für noch mehr Stress und Verwirrung sorgt eine Einladung Ihres Vaters nach Sylt, in der er überraschend seine Hochzeit ankündigt. Doch dafür muss er zunächst seine erste Frau für tot erklären lassen. Nele und ihr Bruder Sven beschließen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und reisen gemeinsam mit ihren Freunden Emanuel, Mathilde und Daria an die Nordsee. Mit einer feierlichen Zeremonie wollen sie sich am Strand von Hörnum endgültig von ihrer Mutter verabschieden. Sie ahnen nicht, was sie damit auslösen …

Nora Gold | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Noch immer hallten die Schreie in meinen Ohren nach. Und das Bersten und Krachen von Holz. Nach dem Fockmast folgte der Großmast. Ein Rahsegel wurde Tom zum Verhängnis. Seit Kindertagen waren wir befreundet gewesen, in diesen Sekunden wurde ich Zeuge seines Sterbens. Wir waren mit unserer Brigg in das schlimmste Unwetter geraten, das ich bislang erlebt hatte. Alles schien sich gegen uns verschworen zu haben. Der Käpt’n hatte uns auf neuen Kurs gebracht, als er sah, dass ein schweres Gewitter aufzog. Doch es hatte nichts genutzt. Nun trieben wir vor der friesischen Küste, unfähig, das Schiff aus dieser Hölle wieder hinauszusteuern. Die Fluten brachen mit solcher Gewalt über uns herein, dass wir nirgendwo auf dem Schiff mehr Schutz vor den Wassermassen fanden. Von dem Sturm, der über unseren Köpfen tobte und an den verbliebenen Segeln riss, ganz zu schweigen. Immer wieder drohten heftige Böen uns über Bord zu schleudern. Verzweifelt versuchten wir uns mit letzter Kraft irgendwo an Deck festzukrallen. Niemand sorgte sich in diesen fürchterlichen Augenblicken um die kostbare Ladung im Rumpf des Schiffes. Jeder dachte nur an das eigene Überleben. Und an die Liebsten daheim. Was sollte aus ihnen werden, wenn der Ehemann und Vater nicht mehr nach Hause zurückkehrte? Wer würde sich um Nahrung und Kleidung für die Kinder kümmern? Blitzen gleich, die immer wieder gespenstisch den pechschwarzen Nachthimmel erhellten, schossen diese Gedanken jedem an Bord durch den Kopf.
Auch ich dachte an daheim. An meine geliebte Natty. Wie sie am Kai gestanden und uns nachgewinkt hatte, als wir den englischen Hafen mit Kurs auf Hamburg verließen. Wunderschön hatte sie ausgesehen und das Herz war mir schwer gewesen, weil ich fort musste von ihr. Die Nacht zuvor hatten wir eng umschlungen verbracht und ich hatte das Leben unseres ungeborenen Kindes gespürt. Immer wieder hatte es gegen Nattys Leib getreten. Als wollte es seinen Eltern zeigen, dass es höchst lebendig war. Und bei jeder Bewegung des kleinen Lebens hatte ich Natty versprochen, bald zurück zu sein. Sie machte sich Sorgen wegen der Jahreszeit. Die Herbststürme seien gefährlich, sagte sie ein ums andere Mal. Und ich beruhigte sie. Schließlich war ich schon oft in schweres Wetter geraten, hatte manchen Sturm überstanden, bei dem sich der Rest der Mannschaft betend an den Masten festgeklammert hatte.
Vielleicht hätte auch ich beten sollen in dieser Nacht des 23. Novembers 1772. Dann wäre ich wahrscheinlich bei den anderen, hätte mit ihnen gehen können. Doch das war mir nicht vergönnt.
Wie sehr wünschte ich mir, jetzt bei Natty zu sein und sie in meine Arme zu schließen. So sehr, dass mir heiße Tränen die Wangen hinabliefen. Sie mischten sich mit dem eiskalten Salzwasser. Ob unser Kind gesund auf die Welt gekommen war? Ich würde es niemals erfahren. Wie der Hüter eines alten Schatzes war ich der vergessene und gefangene Wächter einer längst vergangenen Zeit.

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