„Kommune Bügowicz“ von Christopher Well

Alt und vom Leben entmutigt droht Bügowicz der Abriss seines geliebten Zuhauses. Mit den anderen Hausbewohnern leistet Bügowicz Widerstand und setzt sich gegen das Komplott aus Vermieter, Anwälten und städtischer Politik zur Wehr.

Der verantwortliche Baugutachter Stefan erfährt bald am eigenen Leib, wie weit die betagten Bewohner zu gehen bereit sind. Erpressung, Einbruch und mafiöse Unterstützung. Rückschläge einkalkuliert, reißen die Geschehnisse Bügowicz zurück ins Leben.

Kindle | Tolino | Taschenbuch

Sterben? Nein. Diesen Gefallen würde er ihnen so bald nicht tun.
Das morgendliche Kratzen der Schneeschaufel störte ihn so wenig wie die Geschichten, die man hinter seinem Rücken über ihn erzählte.
Ein Buch mit abgegriffenem Einband lag neben ihm auf dem Nachttisch. Zwischen den Seiten ragten schmale Zettel hervor. Recherchen. Alte Gewohnheiten waren nur schwer abzulegen. Bügowicz las gern und viel. Am gestrigen Abend hatte er sich seiner Leidenschaft wieder einmal bis spät in die Nacht hingegeben. Er hatte schlecht geschlafen, wie so oft. Trotzdem mühte er sich pünktlich um kurz nach acht aus dem Bett. Er schlüpfte in seine Hausschuhe. Mit dem Buch in der Hand schlurfte er in die Küche, setzte Kaffee auf und begann zu lesen.
„Diese Kälte“, schimpfte er.
Bügowicz schnürte den Morgenmantel eng um seinen Oberkörper. Bislang verwehrten die Rollos den ersten Sonnenstrahlen ihren Weg in die Wohnung. Eine Tischlampe erhellte flackernd den Raum.
Unruhig legte er das Buch beiseite. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu dem Brief, den er am Vorabend vor seiner Türschwelle gefunden hatte und der noch immer ungelesen vor ihm auf dem Küchentisch lag. Seufzend nahm er ihn in die Hand. Mit seinen gebrechlichen Fingern untersuchte er sorgfältig jede Ecke. Schwer atmend betrachtete er das Papier. Name und Anschrift stimmten, leider. Der Absender, ein Immobiliengutachter, ließ ihn nichts Gutes vermuten. Bügowicz zögerte und legte den Brief ungeöffnet beiseite.
Er stützte sich auf den Tisch und drückte die wackligen Beine stöhnend nach oben. Langsam ging er zum Fenster. Um die Müdigkeit zu vertreiben, rieb er mit den Händen über sein Gesicht, spürte den Dreitagebart.
Ich lasse mich gehen, sollte mich häufiger rasieren, dachte er, während er das Rollo ohne Eile nach oben zog. Die einfallenden Sonnenstrahlen kitzelten auf seiner Haut. Blinzelnd hielt er inne, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Er öffnete das Fenster, durch dessen schlechte Isolierung auch im geschlossenen Zustand ein permanenter Luftstrom zu verspüren war. Der darunter platzierte Seppelfricke-Gasofen aus den Fünfzigern lief zuverlässig, setzte der Winterkälte aber wenig entgegen.
Bügowicz richtete seinen Blick in den Hof. Der Nachbar mit der Kapitänsmütze war weiterhin damit beschäftigt, den gefallenen Schneeflocken der Nacht mit Schippe, Besen und Split den Garaus zu machen. Der vollbärtige Mann blickte zu ihm und legte zum Gruß die Hand an die Stirn.
„Moin“, schrie er herauf.
Bügowicz lächelte. „Guten Morgen.“
„Schöner Tag heute.“
„Ja. Schön.“ Es fröstelte ihn. „Etwas kalt.“
„Die Kälte weckt die müden Glieder.“
„Schön wäre es“, murmelte Bügowicz. Die Erfahrungen lehrten ihn etwas anderes.
„Was?“
„Ach, egal.“ Er winkte ab. „Schon lange draußen?“
„Vor Sonnenaufgang. Es gibt eine Menge Arbeit heute.“
„Stimmt wohl.“
„Ab sieben Uhr muss der Gehweg geräumt werden, eineinhalb Meter in der Breite und bis zwanzig Uhr am Abend. Seine Pflichten muss man ernst nehmen.“
„Natürlich.“
„Gibt noch viel zu tun.“
Bügowicz betrachtete den schneefreien Bürgersteig und nickte.
„Ich mache dann mal weiter. Bis später zum Mittagessen?“
„Ja, bis später.“

Blick ins Buch (Leseprobe)

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