„18 Tage: Die Tenkterer Legende“ von Michael Reisinger

Lando, ein Student, der mit Leidenschaft mit seinem Metalldetektor nach verschollenen metallischen Gegenständen sucht, findet bei einem seiner Streifzüge eine altertümliche Axt. Nachdem er das Metall berührt hat, wacht er am nächsten Tag auf und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Lando befindet sich inmitten einer unbekannten Landschaft und Kultur wieder. Und nicht nur das: Es scheint so, als wäre er im 5. Jahrhundert a.D. gelandet. Dazu noch in einem anderen Körper.

Nachdem er merkt, dass es kein Traum ist, begegnet er dem Volk der Tenkterer, die in ihm ihre alte prophezeite Legende sehen. Dort trifft er auf Herausforderungen und begegnet auch der Liebe zu einer Frau, die geschworen hat, nie wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen. Immer wieder scheinen die magischen Runen auf seiner Axt seinen Weg zu bestimmen, bis es zu einem alles entscheidenden Kampf kommt.

Michael Reisinger | Kindle | Tolino | Taschenbuch

Gegen Ende des fünften Jahrhunderts tobte ein fürchterlicher Sturm über das Land der Tenkterer, einem kleinen Stamm der Germanen.
Dort, in einer einfachen Hütte, saßen vier Gestalten um die Feuerstelle herum, alle in Felle gehüllt. Angst war auf den Gesichtern, vor allem der der beiden Kinder unter ihnen, zu lesen. Trotz der Tatsache, dass die Hütte nur sehr schwach durch das Feuer beleuchtet war, sorgten die Flammen dafür, dass sonderbare Schatten über die Gesichter einer alten Frau, einer jungen Kriegerin sowie den beiden Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, Zwillingen von gerade einmal sieben Jahren, huschten. Die Kriegerin stand von ihrer grob behauenen Sitzbank auf und warf noch zwei Holzscheite in das Feuer. Danach setzte sie sich wieder zwischen ihre beiden Kinder und zog das Fell über sich und die Kinder. In diesem Moment blies ein Windzug durch die Hütte und fachte das Feuer kurz stark an und dadurch auch das Schattenspiel.
»Großmutter, ich habe Angst. Erzähle uns doch bitte eine Geschichte?«, bat das kleine Mädchen und Hildegard, eine junge Kriegerin Mitte Zwanzig, bestätigte den Wunsch, indem sie hinzufügte:
»Ja, bitte erzähle uns eine Geschichte, damit uns das vom Sturm ablenkt.«
Die Angesprochene rutschte auf ihrem Schemel in eine angenehmere Position, zog ihr Fell über die Schultern, nickte und begann:
»Was ich euch gleich erzählen werde, ist keine Geschichte, sondern die große Legende unseres Volkes. Hildegard, du könntest bereits davon gehört haben, aber für euch Kinder ist sie sicher neu.«
Die alte Frau sah in drei erwartungsvoll dreinblickende Gesichter und so begann sie zu erzählen:
»Vor langer Zeit war unser Stamm in arger Bedrängnis, aber unsere Götter waren uns wohlgesonnen und schickten einen großen Krieger, der das Volk beschützte, damals gegen die Römer.«
»Natürlich muss es wieder einmal ein Mann sein!«, warf Hildegard voller Verachtung ein.
»Mein Kind, auch wenn du schlechte Erfahrungen mit einem Mann hattest, der dich als halbes Kind vergewaltigte, so hat er dir doch deine bei-den großartigen Kinder zum Geschenk gemacht. Und nicht alle Männer sind schlecht und grob. Mein verstorbener Mann zum Beispiel war meine große Liebe und ich habe viele Schlachten mit ihm Seite an Seite gekämpft und er hat mir dich, Walda, geschenkt. Leider haben die Götter ihn kurz nach deiner Geburt bereits zu sich geholt, aber er war ein sehr guter Mann. Kinder, dadurch wisst ihr jetzt auch, dass ich selbst nicht immer nur eine alte Frau war, sondern wie eure Mutter eine Kriegerin. Ich war es auch, die eurer Mutter viele ihrer Fähigkeiten beigebracht hat. So, aber jetzt zurück zu der Legende. Dieser besagte Krieger also kam zu uns in Zeiten größter Not und half uns gegen die Römer und verhinderte, dass unser Volk besiegt und versklavt werden konnte. Mit sich führte er ein zweischneidiges Kriegsbeil mit einem Schwert.«
Jetzt warf Hildegard wieder ein: »Was jetzt? Ein Kriegsbeil oder ein Schwert oder beides?«
»Ich weiß nicht, aber ich kann euch nur sagen, wie der Wortlaut der Legende lautet. Mit dieser Waffe also ausgerüstet und mit einer göttlichen Macht versehen, führte er unsere Krieger zum Sieg und bewahrte dadurch die Freiheit unseres Volkes. Doch irgendwann verschwand der Krieger wieder und mit ihm war auch die Waffe verschwunden. Doch die Legende besagt, dass irgendwann in der größten Not wieder ein Krieger von weit her aus Raum und Zeit kommen wird, um erneut unser Volk vor dem Untergang zu bewahren. Dieser Krieger wird wieder, wie damals auch, die göttliche Macht besitzen, um dies alles zu vollbringen. Also besonders du, Walda, sei nicht so feindselig jedem Mann gegenüber, denn sonst verpasst du die schönsten Momente im Leben, die du nur mit einem dich liebenden Mann erleben kannst. Und vielleicht ist es sogar der fremde sagenhafte Krieger.«
Nach dieser Bemerkung lachten die Alte wie auch Walda und nach kurzer Zeit sagte dann die Alte wieder: »So Kinder, jetzt ist es aber auch Zeit fürs Bett und der Sturm draußen hat ebenfalls nachgelassen.«
Die beiden Kinder standen daraufhin auf und wandten sich einer kleinen Leiter in einer Ecke der Hütte zu, die zu einer Empore führte, auf der sich das Strohlager der Kinder befand. Der Junge nahm das Fell mit, mit dem sie sich gerade bedeckt hatten, und folgte seiner Schwester. Die Alte und Hildegard begaben sich auf ihr Strohlager direkt unter dieser Empore und deckten sich mit einem anderen Fell zu.
Hildegard lag noch etwas wach und lauschte dem Donner. Sie bemerkte aber an diesem und an den Blitzen, die die Hütte durch eine kleine Luke und etlichen Ritzen hell erleuchteten, dass sich das Unwetter langsam verzog. Noch in Gedanken an die Tatsache, dass es immer nur Männer waren, die für ihre großen Taten gerühmt wurden, schlief auch sie bald danach ein.

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