„Die Verrätertexte“ von Hannelore Goos

Warum hat der alte Donatus die Geheimnisse seiner Gilde verraten? Und wie kamen sie wieder ans Tageslicht? Über mehr als zwei Jahrtausende spannt sich der Bogen der Erzählung in diesem Buch.

Die Phantasie lässt eine fiktive Gilde der Narratoren erstehen, die im alten Rom die Welt erklärten. Bruchstücke der Überlieferung und einfühlsame Erfindung formen eine römische Religion, wie sie hätte sein können. Die legendenhafte Darstellung der Erschaffung der Welt und ihrer Gestaltung durch die ersten Menschen steht im Mittelpunkt des ersten Teils dieses Buchs. Wie sich diese Religion im Alltag auswirkt, steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, eines alle zwölf Monate umspannenden Epos über das Bauernjahr. Von den unzähligen Gottheiten der Römer sind mehr als siebzig in die Geschichten dieses Buches eingebunden.

Hannelore Goos | HG-Shop | BoD | Amazon

Silvanus
Mit fröhlichem Singsang schritten die Frauen über die Sommerwiese und ernteten die reifen Ähren:

Kleine Körner, große Körner, Ops gibt reichlich.
Kleine Wurzeln, große Wurzeln, Ops gibt reichlich.
Kleine Nüsse, große Nüsse, Ops gibt reichlich.
Kleine Früchte, große Früchte, Ops gibt reichlich.


Die kleinen Mädchen saßen am Rand der Wiese und pulten die Körner heraus. Es war eine reiche Ernte dieses Jahr, alle freuten sich. Der Brei würde vielleicht den ganzen Winter reichen.
Nur Silvana saß abseits. Sie hatte letztes Jahr einen Korb umgestoßen, das so wichtige Getreide umgeschüttet. Jetzt durfte sie nicht mehr gemütlich sitzend und schwatzend beim Entspelzen helfen. Sie musste die Säuglinge hüten, die die stillenden Mütter am Wiesenrand abgelegt hatten. Vor allem musste Silvana aufpassen, dass sich keine Fliegen auf ihren Gesichtern niederließen, denn das konnte schlimme Pusteln oder sogar Krankheit bedeuten. So einfach war diese Arbeit gar nicht, ermüdend, denn sie konnte sich keinen Moment der Unaufmerksamkeit erlauben. Die entwöhnten Kleinkinder blieben bei den Alten im Dorf, aber diese hier mussten regelmäßig genährt werden, deshalb waren sie immer dabei.
Die Sommerwiese war ein herrlicher Fleck, Gras mit reifen Ähren, so weit man blicken konnte. Wenn die abgeerntet waren, konnte man die Schafe dort weiden lassen. Gleich angrenzend war der Wald, an dessen Rand sich die Sippe eingerichtet hatte, und in den die Männer so gerne zur Jagd gingen. Wenn man doch immer hier bleiben könnte! Aber wenn die Tage wieder kürzer wurden, mussten sie weiterziehen, dorthin, wo es spätes Korn, Nüsse und Kastanien zu ernten gab.
Wenn die abgerntet waren, ging es ins Winterquartier, eine besonders geschützte Stelle unter einem Felsen.
Im Frühjahr ging es dann in das Wiesental, wo die ersten grünen Kräuter sprießten. Und dann schloss sich der Kreis, man wohnte wieder drei Monde an der Sommerwiese. Das Umziehen war jedes Mal eine anstrengende Plackerei, auch wenn die Umzäunung, die inzwischen fast mit dem Wald verwachsen war, und die Unterstände stehen bleiben konnten. Ein Teil der Vorräte wurde vergraben, auch wenn es geschehen konnte, dass Tiere sie plünderten. Alle anderen Sachen wurden mitgeschleppt. Einige Schafe konnten zum Ziehen der Lastschlitten eingesetzt werden, aber das meiste mussten die Menschen selbst bewegen. Ach, wenn man doch an einem Platz bleiben könnte!
Silvana blickte sich um, obwohl sie eigentlich die Babys beobachten sollte. Da war die Stelle, wo ihr Korb umgefallen war. Aber was war das? Das war doch ein kahler Fleck am Wiesenrand gewesen! Jetzt standen da Ährenhalme, einer neben dem anderen, dicht an dicht, und jeder trug eine volle Ähre. Da sie sich nicht von den Kleinen wegbewegen durfte, rief sie eine Freundin und zeigte auf den merkwürdigen Platz. Die war auch verblüfft, rannte zur ältesten Matrone und holte sie herbei. „Vielleicht ist es ein Zeichen der Göttin, dass Ops dir verziehen hat, dass du ihre Gabe auf den Boden geschüttet hast!“ meinte die Alte. Sie erntete die Ähren von diesem Fleck, hielt sie aber getrennt. Sie wollte den Dorfältesten fragen, ob sie zum Opfer taugten.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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